Ob es sich bereits beim Albumcover um eine schlaue Selbstreferenz handelt oder nur um einen weiteren Aufguss, liegt im Auge des Betrachters. Jedenfalls bekommt man den Wanda-Mercedes des ersten Albums "Amore" (2014) und den Turm der Müllverbrennungsanlage Spittelau vom dritten Album "Niente" (2017) noch einmal zu sehen, montiert in eine postapokalyptisch anmutende Wüstenlandschaft, die sich unsere schöne Wienerstadt offenbar nach dem Motto "Wie schön wäre Wien ohne Wiener?" zurückerobert hat. Ja, wie?

Die Wiener Band Wanda um ihren Sänger Marco Michael Wanda veröffentlicht am kommenden Freitag ihr neues und mittlerweile fünftes Album "Wanda". Die Vermutung liegt nahe, dass das Cover vor allem eines plakativ darstellen soll: Zuletzt wurde der Triumphzug dieser ganz im Sinne des althergebrachten Austropop aus dem goldenen Zeitalter operierenden Band durch die Corona-Pandemie abrupt ausgebremst. Denken wir bei ihrem jetzt anstehenden Comeback also auch an den Auszug der Israeliten aus Ägypten, 40 magere Jahre in der - ja! - Wüste und schließlich die Ankunft im gelobten Land. Irgendwer hat dort als Arche Noah für die vom Aussterben bedrohte Spezies des Rockstars in zerschlissenen Jeans und speckiger Lederjacke eine große Konzerthalle hingebaut, in der der Exzess bei Wanda ("Ich will Schnaps!") traditionell über die Bühne geht.

Aber was muss man da hören?? Gleich zum Auftakt in Form des wie auch an anderen Stellen des Albums verstärkt um käsige Keyboardsounds erweiterten Songs mit dem gar nicht so guten Titel "Rocking in Wien" heißt es ausgerechnet: "Einer nach dem andern hört zum Rauchen und zum Saufen auf / Und alle gehen sie joggen im Park." Doch auf den Schock die Erleichterung: Zum Glück muss man sich zumindest um die Kunstfigur vor dem Mikrofon keine Sorgen machen. Der Mann ist noch immer der Alte. Er muss sich nur schnell einen Tschick anzünden, bevor er wieder zu singen beginnt: "Tragischerweise bin ich anders drauf / Mein Glaube ist der Wodka und der Wodka mein Grab."

Es wird auf diesem Album mit Marco Michael Wanda wahlweise als Marco-Michael-Wanda-Darsteller oder als Georg Friedrich im Film "Hotel Rock ’n’ Roll" ("Don’t stop the rock!!") also wieder sehr viel Feuerwasser die Donau hinabfließen, bevor die Band am Ende beschließt, sicherlich auch weiterhin nicht vernünftig zu werden. Wo kämen wir da auch hin? Oder wie es zum Abschluss im von einem wie gewohnt schön blöden Männerbild gekennzeichneten Song "Eine Gang" mit Hang zum Meidlinger L dazu heißt: "Unsere Augen san leer / Und wir stehen so nervös an der Ecke / Nach einer Schlägerei im Spital / Wir brauchen uns nicht verstecken / (...) Nix, was wir tun, wird je zur Legende werden / Wir san scho froh, wenn wir erst am Ende sterben / Weil wir san eine Gang / Und wir halten z’samm."

Ob das auch stimmt, wird sich wiederum zeigen müssen. Zuletzt ist der Band ihr Schlagzeuger abhandengekommen. Anstelle von Lukas Hasitschka sorgt derzeit Valentin Wegscheider dafür, dass Wanda auch weiterhin klingen, wie sie immer klangen. Wobei nicht zuletzt ihr Sänger diesmal in einer Art Cut-up-Technik anscheinend Textversatzstücke aus alten Booklets herausgeschnitten und mit dem Uhu wieder in sein aktuelles Notizbuch hineingeklebt hat. Mit den zwölf neuen Songs werden Wanda endgültig zu ihrer eigenen Coverband, die sich absurderweise auch dann ganz besonders nach Wanda anhört, wenn sie wie im Falle der Singleauskopplung "Die Sterne von Alterlaa" zumindest im Ton einmal ausschert.

Inhaltlich bleibt auch hier alles wie gehabt: "Unter deinem Fenster, wo du schläfst / Fang ich eine Schlägerei an / Ich will, dass deine Lichter angehen / Aber du schläfst und ich brech mir die Hand / Das ist ein Stadtteil, in den ich nimmer fahr / Einsame Gespenster in den Fenstern von Alterlaa / Kümmer mich so zärtlich um den letzten Schluck Averna ..." Allerdings hat man das alles auch schon einmal zwingender gehört.

Nicht dass uns Wanda dazwischen nicht doch noch abholen würden: Die Zeilen "Sie sagt: Niemand ist so glücklich wie du / Entweder bist du unglaublich blöd oder zua" etwa sind sehr schön wienerisch, vor allem, wenn auf diese Hinterfotzigkeit an oder unter der Bar eines Beisls kurz vor Sonnenaufgang auch noch eine Erkenntnis folgt: "Aber etwas in ihr macht mir Angst / Weil sie die Wahrheit sagt."

Dass es heute weniger oft nach Italien geht, ist dafür wirklich sehr schade. Sogar hinter einem berechtigte Hoffnung auf ein wenig mehr Dolce Vita verbreitenden Songtitel wie "Va bene" versteckt sich am Ende etwas gar zu viel Österreich: "Mir ist alles ein bissi wuascht / Mir ist alles ein bissi egal ..." In diesem Sinne!