Die Musikbranche? Auch im 21. Jahrhundert noch eine Männerdomäne. Ein Beispiel: Im Sommer standen beim FM4 Frequency Festival 14 weibliche Acts 148 männlichen Musikern gegenüber. 14: 148, eine Übermacht. Woran liegt das? Halten sich in der Branche antiquierte Ansichten? Geht es um die Verfügbarkeit? Das Argument, dass es zu wenige "gute" Künstlerinnen gäbe, kann jedenfalls widerlegt werden. Die Wiener Musikszene mischen aktuell Verifiziert und Eli Preiss richtig auf.

Die Musikerin Verifiziert ist mittlerweile kein Untergrund-Hit mehr. Zu Beginn der Pandemie begann die Wienerin mit Freunden, dem eigenen Bekunden nach, aus dem Schlafzimmer heraus Musik zu machen. Bereits 2021 veröffentlichte sie ihr Debütalbum "40100". Ihre Songs sind ein Vexierspiel aus träumerischen Texten und lässigen Beats. Gefühlvolle Stücke werden mit Party-Hymnen gemischt.

Verifiziert erneuert die Wiener Szene. - © Lenny Rothenberg
Verifiziert erneuert die Wiener Szene. - © Lenny Rothenberg

Unter ihren Musikvideos finden sich Kommentare wie "Du singst mir aus der Seele". Lieder wie "Stromausfall" kratzen nicht nur an der Oberfläche. Wenn man die Künstlerin Zeilen wie "Lass die Augen einfach zu. Nur ich sonst nichts. Endlich allein, endlich nur ich. Bin endlich daheim.", singen hört, ist es gleichsam so, als würde man selbst auf den verregneten Straßen Wiens entlang spazieren.

Keine Posen

Verifiziert gelingt es, Emotionen zu transportieren. "Ich finde es am einfachsten, über meine Gefühle zu schreiben. Es tut mir richtig gut", sagt die Künstlerin. Wenn ihre musikalische Selbstreflexion beim Publikum ein Echo auslöst, "freut es mich total", so die 25-Jährige.

Bei Verifiziert, oder Veri wie Freunde sie nennen, geht es nicht ums Posen. Den Trend um Authentizität im Hiphop nennt sie ein "ausgelutschtes Thema", doch die sympathische Sängerin ist mit ihrer Art beim Musikmachen genau das - authentisch. Man kauft ihr sowohl die Lässigkeit als auch die gefühlvolle Seite ab. Sie macht eben das, worauf sie Lust hat: "Ich nehme ungern fertige Beats. Lieber starte ich eine Aufnahmesession, in dem ich Elemente aus verschiedenen Richtungen mische". Deshalb kann man die Künstlerin auch schwer einem Genre zuordnen. Von Cloud-Pop bis Lo-Fi Hiphop ist alles dabei. Diese außergewöhnliche stilistische Offenheit, gepaart mit alltagsbezogenen Texten bringt Schwung in die Wiener Szene.

Doch auch außerhalb von Österreichs Grenzen ist Verifiziert durchaus bekannt - neben Zusammenarbeiten mit dem Produzenten Florida Juicy, einem Song mit Longus Mongus, der Rapcrew BHZ, begleitete die Wienerin dieses Jahr auch den deutschen Musiker Casper auf Tour. Das hat sie selbst am meisten überrascht: "Ich habe immer gesagt, Konzerte spiele ich nicht". Dafür sei die Musikerin viel zu nervös und hätte zuviel Angst vor vielen Leuten aufzutreten, aber seit der Casper-Tour hat sich das geändert. Konzerte sind nun ein Genuss.

Eli Preiss wusste das schon lange. Die Sängerin und Rapperin mit bulgarischen Wurzeln steht schon seit zehn Jahren auf der Bühne - 2012 nahm sie am Kiddy Contest teil. Bis zum Durchbruch sollten aber doch noch einige Jahre vergehen. Zu Beginn ihrer musikalischen Laufbahn konnte man die Wienerin, die übrigens mit Verifiziert befreundet ist, noch auf Englisch singen hören. Sie hatte Bedenken, dass deutsche Musik zu kitschig werden könnte.

Nach dem Besuch eines Konzerts von Rapper RIN, entschloss sich Eli Preiss, einen Versuch zu wagen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Mittlerweile ist die Rapperin fixer Bestandteil der deutschsprachigen Musikszene. Ähnlich wie bei Verifiziert liegt ihre Stärke in der stilistischen Breite. Neben zahlreichen R’n’B-Referenzen in ihren Songs, die vor allem in "Wie ich bleib" zu hören sind, findet man etwa Rap-Elemente in "Aba warum".

Die Künstlerin präsentiert sich ausgesprochen weiblich und bekennt sich gleichermaßen zum Feminismus. Für Eli Preiss ist das kein Widerspruch. Deutlich wird das etwa in ihrem Hit "Danke Mami". Dort finden sich Passagen wie "Nein ich bin nicht deine Hausfrau. Wenn ich was will, geh ich es hol’n".

Neben Diversität im Musikvideo und einem Gastauftritt ihrer Mutter, überzeugt das Lied mit Female Empowerment und öffnet neue Türen zum zeitgemäßen Deutschrap.

Ungewollte Avancen

Doch die Schattenseite des Erfolgs bekommen beide Musikerinnen zu oft zu spüren - sexistische Kommentare und übergriffige Verhaltensweisen sind leider keine Seltenheit. "Bei den letzten fünf Festivals, an denen ich mitwirkte, gab es immer wieder Vorfälle, einmal sogar mit einem Fotografen", berichtet Verifiziert. Nachsatz: "Man wird jedes Mal wütender." Der Austausch mit anderen sei wichtig, doch das erfordert Mut. Rückhalt findet die Sängerin in ihrem Umfeld: Vorfälle werden thematisiert und ernst genommen. Vor allem ihr weibliches Management sei ihre erste Anlaufstelle, die schnell und verlässlich reagiert.

Nicht nur auf professioneller Ebene haben die jungen Frauen mit ungewollten Avancen zu kämpfen, auch vermeintliche Fans sorgen durchaus für unangenehme Situationen.

Eli Preiss wurde etwa am Frequency-Festival zugerufen, sie solle sich ausziehen - mit solchen Zurufen müssen sich männliche Kollegen wohl nicht herumschlagen. Aufreizende Kleidung, rhythmische Tanzbewegungen oder eine sinnliche Ausstrahlung sind noch lange keine Einladung für sexistische Kommentare. Nach dem Festival äußerte sich die Rapperin via Instagram dazu. Bei Selfies mit männlichen Fans komme es offenbar zu unangebrachten Berührungen. Die meisten Bewunderer seien im Umgang respektvoll, aber es gibt bedauerlicherweise auch Ausnahmen, ihnen richtet sie via Instagram-Posting aus: "Nur weil ich meine Sexualität nicht verstecke, gibt das niemanden das Recht, davon auszugehen, ich würde sie gerne mit ihnen teilen", erklärt sie ihrer Fanbase.

Sexismus beschränkt sich nicht nur auf das Publikum. Gerade im Hiphop wird die Diskriminierung von Frauen beinahe zum Statussymbol erhoben. Die Zusammenarbeit mit Personen, die in ihrer Musik offen sexistisch agieren, komme für Verifiziert überhaupt nicht in Frage. "Es ist unfassbar traurig, wie unterschiedlich schwer es Frauen und Männer in der Musik haben. Ich wünsche mir mehr Respekt für Frauen." In die Zukunft sieht sie aber zuversichtlich: "Es geht in die richtige Richtung".