Obwohl Jens Friebe immerhin gut 20 Jahre als Musiker (und lange auch Musikjournalist) aktiv und sein Debütalbum "Vorher Nachher Bilder" bereits 2004 erschienen ist, verkörpert er nachgerade prototypisch den modernen Singer-Songwriter. Eben nicht das, was die treuherzige Plattitüde als "zeitlos" - sprich: jenseits von oder über Tagesmoden stehend - rühmt, sondern einen couragierten, reflexiven Chronisten seiner Zeit, bei dem Narrative und Musik einen sich wechselseitig bedingenden Organismus bilden.

In einem in eineinhalb Minuten in einer flockigen Schlager-melodie heruntergebretterten Statement trug er auf seinem bisher letzten Album, "Fuck Penetration" (2018), dem Chicness-Faktor des Queer-Seins Rechnung. Und um einige der provokanteren Inhalte, etwa die Ode auf pentrationslosen Sex im Titelsong, auf Sicherheitsdistanz zur Musik zu lassen, waren gleich mehrere Songs auf Englisch intoniert.

Agiler Piano-Pop

Je nach Anforderungen schlägt bei Friebe das musikalische Pendel manchmal eher Richtung individualistischen Indie-Pop/Rock aus - nicht ganz unähnlich übrigens den genialen Guz-Platten des verstorbenen Aeronauten-Leaders Oliver Maurmann, und dann wieder Richtung Synthie-Pop und alle möglichen Nuancen dazwischen.

Auf seinem neunten, wieder rein deutsch bzw. denglisch vorgetragenen Album "Wir sind schön" (Staatsakt) tendiert der 47-jährige Wahl-Berliner zu einem lockeren, groovigen, weitgehend vom Drumcomputer und versatiler Percussion unterlegten, von Electronica und Xylofon interpunktierten agilen Piano-Pop.

Der Titel "Wir sind schön" wird ältere Semester unwillkürlich an den NDW-Hadern "Schön sind wir sowieso" von Markus erinnern, doch mit diesem Relikt aus dunklen Zeiten von Spaßterror und Gedankenlosigkeit hat Friebe freilich nichts zu tun. Sein Thema ist vielmehr die Ambivalenz von Situationen, Zuständen und Befindlichkeiten, kurz also: das aus (bekanntermaßen eher unerfreulichem) Zeitgeschehen und individuellen Empfindungen/Reaktionen, als das die Gegenwart sich präsentiert.

Eine Abtrünnigen feindlich gesinnte "Schrumpfende Stadt", das "Ende aller Feiern", "Das Nichtmehrkönnen" oder ein Zuhause, wo in allen Betten der Tod lauert, sind Symptome dieser Gegenwart. "Alle, die das hören sind frei", konstatiert Friebe so einfach wie treffend und stellt zur Disposition, wer und was "Freiheit" für sich beanspruchen kann: der Sturm, der Schiffe versenkt, Steuervermeider, Bessergestellte oder, wie sich der Protagonist von einer Platte her, die er verloren hat, dunkel erinnert, wer nichts mehr zu verlieren hat? Die Bereitschaft, sich mit diffizilen Fragen auseinanderzusetzen, das ist der nicht unerhebliche Anspruch, den "Wir sind schön" an die Hörer stellt. Belohnung dafür verheißt der Titelsong: "Wenn sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnen / Sieh uns an und du wirst sehen: Wir sind schön!"

In den 60er Jahren war es gerade unter großen Bands eine unausgesprochene Pflichtübung, einen "Bob-Dylan-Song" im Repertoire zu haben: also einen Song, der in der Ausstrahlung Dylan nahekam. Bei den Beatles war das "You’ve Got To Hide Your Love Away", bei den Rolling Stones das grandiose, unerklärlich unterbelichtet gebliebene "Jigsaw Puzzle". Nie war dagegen die Rede von "Beatles-Songs", obwohl das Erbe der Fab Four noch heute im Melodiepop von Mainstream bis Indie in irgendeiner Form herauszuhören ist. In welcher genau, ist aber meist ebenso schwer festzumachen wie eine verbindliche Definition, wofür der Name "The Beatles" steht: "A Hard Day’s Night"? "Revolver"? Das "Weiße Album"? Beatles, das war immer mehr ein Gefühl denn eine Maßeinheit - und darauf beziehen sich Chuckamuck, wenn sie ihre neue Platte "beatles" (Bretford Records) - klein und ohne "the" - nennen.

Dieses hat das gemeinhin dem Garagen-Rock zugeordnete Berliner Trio, in dem jeder schreibt und singt, zu einer bunten, formidablen Platte mit vielfältiger Ins-trumentierung (Trompete, Lap-Steel- und Lagerfeuer-Gitarren), großen Melodiebögen und fantasievoll-verschrobenen Songs angeregt: über Vögel, eine Ballerina namens "Valentina" oder eine "Miss Lonelyhearts", Klagemauer des Gefallenen, der auf der Reeperbahn sein Geld versoffen hat.