Für das Albumcover müsste man jetzt ein altes Buch von Traudi und Hugo Portisch zur Hand nehmen, um damit erst recht nicht weiterzukommen. Die Pilze, vor denen Björk für ihr jetzt vorliegendes neues Album mit dem Titel "Fossora" posiert, sind vermutlich in keinem handelsüblichen Bestimmungsbuch angeführt, mit dem man als kulinarischer Waldwanderer auf der Suche nach seinem Abendessen gemeinhin umherstreift.

Eierschwammerl, Steinpilze, Maronen-Röhrlinge, Parasole? Nein. Björk, das singende isländische Gesamtkunstwerk, stilisiert sich hier im entrückten Alice-in-Wonderland-Look, um sich vordergründig als Herrin aller wucki machenden Shrooms auf die Spuren diverser Sporen zu machen.

"Fossora"-Albumcover. 
- © One Little Independent / Vidar Logi

"Fossora"-Albumcover.

- © One Little Independent / Vidar Logi

Das narrische Schwammerl sei mit euch: "Fossora", was so viel wie "Gräberin" oder "die Grabende" bedeuten soll, fokussiert das Element Erde sowie alles, das auf ihr wächst oder sich darunter befindet. Beinahe könnte man der 56-Jährigen unterstellen, damit so etwas wie Bodenhaftung zu beweisen - egal, durch welche überweltlichen, uns Otto-Normalverbrauchern unzugänglichen Sphären sie gerade auch wieder schweben mag. Aber Scherz. Natürlich hat sich zumindest eines nach wie vor nicht verändert: Björk ist so "anders", dass sie sich nicht einmal umdrehen muss, um nach hinten zu sehen.

Tuten und Blasen

Mit "Atopos" geht es seinem lateinischen Titel entsprechend "sonderbar" und aus der Rolle gefallen los. Sonderbar ist für Björk vollkommen normal: Die Künstlerin hat das zwölfköpfige Flötenensemble ihres Vorgängerwerks "Utopia" von 2017 durch sechs Bassklarinetten abgelöst, die hier unter Zutun der ehemaligen Donaufestival-Gäste Gabber Modus Operandi aus Indonesien zur nordeuropäischen Björk-Variante eines puerto-ricanischen Reggaeton-Beats beweisen dürfen, dass sie mehr als nur eine Ahnung vom Tuten und Blasen haben. Und während der Song ausgerechnet zu recht zärtlichen Zeilen wie "Our union is stronger than us / Hope is a muscle / That allows us to connect" ins Unheilvolle kippt, demonstriert Björk dabei recht nachdrücklich, was man immer auch an ihr hat: das markanteste gerollte R der Gegenwart neben jenem von Till Lindemann der deutschen Band Rrrrrammstein zum Beispiel.

"Fossora" ist das mittlerweile zehnte Soloalbum von Björk. Es wurde von der Rückkehr der Musikerin nach Island inspiriert und verknüpft ihre spirituell aufgeladene, rural gefärbte "Back to the roots"-Folklore etwa auch in Form des neu interpretierten Traditionals "Fagurt Er í Fjörðum" mit einer radikalen Hypermoderne. Das ist wie gewohnt nicht erst über die komplette Spieldauer von diesmal 13 Songs und rund 54 Minuten sehr anstrengend anzuhören. Wobei Björk den Pop-Begriff hier wieder weitestgehend ausdehnt oder sich an ihm vorbei in Richtung einer avantgardistisch gedeuteten Kammermusik vorbewegt.

Neben sich mit Streichern und Gesang bescheidenden Stücken wie "Freefall" oder wie einst auf dem Album "Medúlla" aus dem Jahr 2004 im Zeichen der menschlichen Stimme allein, etwa entlang der berührenden Zeilen "You did well / You did your best" mit dem als Requiem für ihre verstorbene Mutter angerichteten "Sorrowful Soil", stellt der erwähnte Reggaeton-Beat zum Auftakt also eher die Ausnahme dar. Auch wenn man im Rahmen des Instrumentals "Trölla-Gabba" so etwas wie den Versuch hört, die Rhythmusgruppe der Einstürzenden Neubauten nachzubauen, oder das Titelstück als ferne Erinnerung an illegale Raves in stillgelegten Atomschutzbunkern daherkommt.

Über Islands grüne Weiden

"Ancestress" ist, nach einem rituell erklingenden Gong und mit fernöstlichen Streichern und Klangschalen arrangiert, ein mystischer Blick ins Totenreich, bei dem eine tickende Uhr auch uns Erdenbewohner an die Endlichkeit aller Dinge gemahnen soll. Im Musikvideo dazu sieht man einen Trauermarsch über Islands grüne Weiden ziehen, der Björks Mutter ins Jenseits begleitet.

Und während in noch vorsichtig dräuenden Stücken wie "Victimhood" scheinbar schlecht gelaunte Wale auf dem finsteren Meeresgrund ihre akustischen Kreise ziehen, dokumentieren "Allow" oder "Fungal City" schließlich den Weg zurück in Richtung Hoffnung, Zuversicht und: mehr Licht - bevor am Ende eine beinahe kontemplative Beschäftigung mit dem Thema Mutterschaft steht: "The more I love you / the stronger you become / the less you need me ..."

Wie im Wesentlichen bei allen ihren Alben handelt es sich also auch bei "Fossora", das Björk diesmal übrigens selbst produziert hat, wieder um eine Erfahrung für sich. Erfahrungen sind dazu da, um gemacht zu werden. Ob man sie deshalb auch gleich wiederholen muss, ist natürlich eine andere Frage.