Der Kontrast hätte formal nicht größer sein können: Während Pussy Riot im knallvollen Werk X das Publikum vor ihrem aufpeitschenden Set über ihren Video-Regisseur Vasily Bogatov auffordern ließen, vor die Bühne zu kommen, frönte im Vorprogramm das aus Salzburg stammende Cloud-Rap-Duo Klitclique der Distanz: "Wir sollten eigentlich sagen, kommt alle nach vorne, aber ihr könnt uns auch anschauen wie so Skulpturen", sagte Mirjam Schweiger alias $chwanger, die mit G-udit (Judith Rohrmoser) Klitclique bildet.

Alles in der Präsentation der zwei wirkt demonstrativ lethargisch: Ihr von jeglicher Agitation und exaltierter Motorik unversehrter Bühnengestus, die scheinbar gelangweilt vorgetragenen Raps, die verschleppten Beats vor vielfältigen elektronischen Soundscapes. Der Teufel steckt in den Inhalten, die mit beißendem Spott und böser Detail-Präzision den Kulturbetrieb, vor allem aber Geschlechterklisches ins Visier nehmen und dabei auch - wie in ihrem "Hit" "Der Feminist" - boshaft über vermeintliche Verbündete herziehen. Grosso modo exerzierten Klitclique ihre exzellente LP "Schlecht im Bett, gut im Rap" von 2018 durch; gleichwohl war ein Höhepunkt ihres gut akklamierten Sets ein nicht auf dem Album enthaltener Song über männlichen Autofetischmus - vielleicht auch, weil hier einmal das Tempo angezogen wurde.

Ein Auftritt von Pussy Riot hat nur bedingt etwas mit einem herkömmlichen Konzert zu tun. Schließlich hat das Moskauer Künstlerkollektiv eine Botschaft zu verbreiten und tut dies in einer multimedialen Performance aus (meist) schnellen, harten Techno- und Industrial-Sounds, Schauspiel, Aktionismus und Videos, in die auf Deutsch auch die Inhalte ihrer agitierten russischsprachigen Raps eingeblendet sind.

Geschichte mit Brisanz

Das kann in seiner Dichte und Intensität überwältigen, bisweilen auch überfordern - das Anliegen des Ensembles bleibt jedenfalls keinen Augenblick lang im Unklaren: Pussy Riot erzählen ihre Geschichte und damit auch die Geschichte ihres Widerstands gegen die unerbittliche Diktatur Wladimir Putins. Das Narrativ basiert auf den Aufzeichnungen, die Maria Aljochina, Pussy Riots Prima inter pares, in ihrem Buch "Tage des Aufstands" zu Papier gebracht hat: das berüchtigte "Punk-
Gebet" in einer Moskauer Kathedrale. Eine Farce von Gerichtsverhandlung. Das Straflager und seine brutalen, oft unfassbar absurden Disziplinierungsmaßnahmen. Der Hungerstreik. Die Amnestie nach knapp der Hälfte der Strafzeit. Eine Geschichte, die durch den mörderischen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine retrospektiv noch an Brisanz gewinnt. Pussy Riot performen sie unter begeistertem Publikumszuspruch, indem sie militante Parolen skandieren, ausgelassen tanzen, Wasser ins Publikum spritzen. Flötistin Taro Pletner, neu in der Band, uriniert symbolisch auf ein Porträt Wladimir Putins, der am Konzerttag seinen 70. Geburtstag feiert. Dem Jubilar huldigen Pussy Riot mit besonderen Grüßen: "Fahr geradewegs zur Hölle."