Man muss sich dem Thema nicht zwangsläufig annähern wie Bruce Springsteen. Der würde sich freilich in den alten Benziner setzen, den Schlüssel umdrehen und einfach so in die schwarze amerikanische Nacht davonbrausen.

Nein. Die 1988 ursprünglich im US-Bundesstaat Indiana geborene, heute aber von Chicago aus operierende Sängerin, Songwriterin und Produzentin Haley Fohr alias Circuit des Yeux legt es diesbezüglich noch deutlich existenzieller an - und widmet sich auf ihrem im Vorjahr erschienenen, bisher ambitioniertesten Album mit dem Titel "-io" (Beggars/Matador) dem Verschwinden an sich. Die Künstlerin selbst sagt über den Entstehungsprozess: "Ich war besessen von schwarzen Löchern, die die ultimative Anziehungskraft darstellen. Es ist auch eine synonyme Metapher für den Tod. Dinge gehen hinein und kommen nie wieder heraus."

Durch Mark und Bein

Wir sehen schon, es wird jetzt hart: Die Frau mit der mitunter androgynen und jedenfalls vier Oktaven durchmessenden Stimme, die hier die Mark und Bein durchdringende Drama Queen gibt, die sich als Trauerfürstin gebärdet, führt uns auf dieser Reise durch unwirtliches Terrain.

Immerhin verarbeitet Circuit des Yeux mit den zehn sehr, sehr eindringlichen Songs des Albums nicht zuletzt einen Todesfall im engsten persönlichen Umfeld, der auch zu einer posttraumatischen Belastungsstörung der Künstlerin führte. Tatsächlich schreit alles an dieser händeringenden Kunst nach Katharsis und Erlösung. Die stellt sich irgendwann vielleicht auch ein, leider aber geht es davor noch durch das Land der Tränen, in dessen Zentrum das Jammertal liegt.

Was passiert, wenn etwas oder jemand, das oder den man geliebt hat, auf einmal verschwindet? Es muss nicht zwangsläufig besser werden, wenn alle Phasen der Trauer einmal durchlaufen sind. Es wird am Ende aber mit Sicherheit alles anders sein: Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat man in den letzten Jahren keinen Song gehört, der die Sachlage intensiver erforscht und beschreibt als das mit Trauerflor bekränzte "Vanishing", mit dem Circuit des Yeux das Album nach einem dräuenden Instrumentalintro programmatisch eröffnet. "I can not believe / The vanishing is happening ..."

Die erste Phase der Trauer ist bekanntlich das Nicht-Wahrhaben-Wollen, die letzte das Annehmen und die Akzeptanz. Wir lernen von Circuit des Yeux in aller Pracht und Herrlichkeit im Miniaturformat eines viereinhalbminütigen Songs also auch, wie man den Hut nimmt und mit sehr vielen sehr schmerzvollen "Goodbyes" Lebewohl sagen wird. Dazwischen stellt sich in der Phase der Depression aber auch eine alles entscheidende Frage, die man hierzulande aus dem Austropop kennt: "Wie heat des auf, wie wird des weidagehn?" Bei Circuit des Yeux, die im Song "Walking Toward Winter" ihr Innenleben als Lawine beschreibt, die gerade erst Fahrt aufnimmt, übersetzt sie sich mit "Tell me how to feel right / Tell me how to see the light" nicht minder ratlos.

Das Licht geht aus

Haley Fohrs musikalische Wurzeln liegen eigentlich im Lo-Fi-Bereich. Nach Meditationen in Folk und Ambient, die sich auf Alben wie "Portrait" (2011), "In Plain Speech" (2015) oder zuletzt 2017 auf dem bei Drag City erschienenen "Reaching For Indigo" mit Noise-Schüben auch den einen oder anderen Auszucker erlaubten, wurde für "-io" ein anderer Arbeitszugang gewählt. Insgesamt 13 Musikerinnen und Musiker aus ihrer Wahlheimat Chicago sorgten für wesentlich mehr Opulenz und eine teils orchestrale Anmutung, zu der sich Fohrs beschwörende Stimme in Richtung Operngesang hochschraubt. Dazu setzt es Rock Noir für ausgedehnte Fahrten über die Road to Nowhere ("Dogma") oder einen gut und gerne auch an alten Pop-Alchemisten aus den 1980er Jahren wie etwa Dead Can Dance geschulten Mystizismus, der auf einem beruht: Anders als bisher wurden die neuen Songs diesmal am Klavier und vor allem auch an der Orgel geschrieben.

Mit der im Song "Argument" geschmetterten Frage "Is this the end?" steuert alles auf einen traurigen Höhepunkt zu. Die Antwort kennen wir bereits: "Fading / Falling / Melting / Sinking / Disappear!" Das Licht geht aus, wir gehen nach Haus’. Das Konzert von Circuit des Yeux am Dienstag in der Roten Bar des Wiener Volkstheaters sollte man sich nicht entgehen lassen.