"Geschichte wird gemacht, es geht voran." Fraglos ein abgedroschener Winkelzug, diese Zeilen aus dem Song "Ein Jahr (Es geht voran)" zum 68.389. Mal zu zitieren - aber sie passen eben auch zur Band, die sie kreiert hat. Geschichte haben Fehlfarben ganz sicher gemacht, denn ihre LP "Monarchie und Alltag" ist - unter Ausklammerung von Kraftwerks "Autobahn", dessen wesentliche Merkmale nicht so sehr in der Singsprache liegen - das vermutlich bedeutendste Stück Popmusik deutscher Zunge. Dieser historischen Leistung/Bürde ist aber auch geschuldet, dass sich Teil zwei, nämlich das "Vorangehen", beizeiten etwas mühsam gestaltet.

Geografische Streuung

Zwar haben Fehlfarben mit Sänger Peter Hein nach einer längeren Auszeit 2002 mit dem Album "Knietief im Dispo" ein ziemlich fulminantes Comeback gefeiert, doch die drei nachfolgenden LPs verschlissen sich dann sukzessive am Gewöhnungseffekt. "Monarchie und Alltag" aber, 1980 erschienen, warf durch Jubiläums-Tourneen ein nettes und, wie Hein eingesteht, "leicht verdientes" Zubrot ab. Sogar einen (im Mainzer Ventil Verlag erschienenen) Comic-Band gibt es mittlerweile davon.

Sieben Jahre sind seit dem bisher letzte regulären Fehlfarben-Longplayer, "Über ... Menschen", vergangen, die Hein mit zwei recht guten Alben seines stärker bläserbetonten Zweitprojekts Family 5 überbrückt hat. Nun ist eine neue Fehlfarben-LP da, und schon ihr Titel, "?0??", der eine undefinierbare Jahreszahl symbolisiert, verrät eine schwierige Genese. Geplant war sie schon für 2018 gewesen. Die geografische Streuung der Bandmitglieder - Hein lebt in Wien, der Rest in verschiedenen Teilen Deutschlands -, erschwerte das Arbeiten; die Pandemie brachte es zum Erliegen. Die Möglichkeiten der digitalen Technik konnten die menschliche Kommunikation und das leibhaftige Zusammenspielen nur unzureichend ersetzen. Und so konnte man die längste Zeit nicht sicher voraussagen, wann - und ob überhaupt - das Ding je erscheinen würde.

Neben den Gründungsmitgliedern Hein, Michael Kemner (Bass) und Frank Fenstermacher (Saxofon, Keyboards) sind wieder Kurt Dahlke, der mit Fenstermacher das Label Ata Tak betreibt, Gitarrist Thomas Schneider und Saskia von Klitzing (Drums) an Bord. Von Gitarrist Thomas Schwebel, der den Sound der Band genauso geprägt hat wie Hein und nach dessen vorübergehendem Ausstieg in den 80er Jahren denn auch den Job des Sängers übernahm, ist immerhin noch ein kompositorischer Beitrag zu "Innenstadtfront" enthalten (zum Line-up gehört Schwebel nicht mehr).

Fehlfarben waren, so sehr ihnen auch ihre Sozialisation durch Punk anzuhören war, immer recht vielseitig gewesen. Funk war ein prominentes Thema, anfangs spielte auch Ska eine gewisse Rolle; später taten das elektronische Einflüsse und ganz sporadisch sogar akustische Passagen.

Weiter Bogen

"?0??" kommt dagegen als dichter Block von gitarrenbetonten, mit kräftigem Bass unterlegten, vergleichsweise zurückhaltend mit Funk infiltrierten Rocksongs im Tempobereich mittel bis zügig daher, dazu das unnachgiebige, sarkastische, allzeit zum Explodieren bereite Gegeifer des Peter Hein. Das macht zum einen ein stringentes Klangbild und verursacht andererseits eine gewisse Einförmigkeit in Ausstrahlung und Anmutung. Zwei, drei Ausreißer gibt es, wenn einmal das Tempo gebremst ("Stolz?") oder angezogen ("Innenstadtfront") wird oder nuanciertere Gitarren, wie etwa in "Brot ohne Spiele", zum Einsatz kommen.

Thematisch ist der Bogen indessen weit gespannt: Von grübelnden Existenzialismen über die Pandemie, Selbstgefälligkeit (von Rockstars?), Denunziantenwesen oder, mit einem Rückgriff auf die griechische Mythologie, Europa: "Den Stier bei den Eiern packen wir / retten sie - Europa".

Und natürlich huldigt Hein, 65, wieder seinen favorisierten Spottthemen, nämlich den Gutmenschen und denen, die es noch werden wollen: "Ich bin doch schon genauso vegan / wie der Mittelstreifen der Autobahn / bin doch nicht schlecht, redet mir das nicht ein / kenn sogar Leute im Tierschutzverein."