Im Alter von 36 Jahren ist der Mann natürlich viel zu jung für ein Alterswerk. Und dennoch befindet er sich bereits mittendrin. Einerseits vielleicht ein klein wenig, weil Alex Turner mit seinen bereits in Teenagertagen gegründeten Arctic Monkeys auch schon wieder ein Weilchen im Geschäft ist. Andererseits und vor allem aber, weil die Band den im Wesentlichen auf fünf Alben ausgelebten Sturm und Drang ihrer Anfangszeit im Jahr 2018 mit "Tranquility Base Hotel & Casino" dann recht radikal abgeschafft hat.

Nassforscher Anfang

Die Arctic Monkeys wurden als eine der ersten Bands ursprünglich als Netz-Hype über Myspace bekannt. Mywas? Während das soziale Netzwerk mit Musikhintergrund bald an Bedeutung verlor, ging es für das Quartett und nicht zuletzt seinen auch mit den Last Shadow Puppets im zweiten Standbein gut beschäftigten Chefsongwriter und Sänger Alex Turner erst so richtig los.

Seither beim renommierten britischen Indie-Label Domino Records unter Vertrag, erspielten sich die Arctic Monkeys ihr Publikum mit ruppig von den Saiten gerissenen, knapp-dringlichen und nassforschen Songs über das Nachtleben zu Hause in England unter gleichgesinnten jungen Leuten. Schneidige, von Turner in markantem Sheffielder Akzent vorgetragene Hits wie "I Bet You Look Good On The Dancefloor" aus dem richtungsweisend betitelten und mit dem Mercury Prize ausgezeichneten Debütalbum "Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not" fielen in eine für das Genre noch einmal gute Zeit, in der klassischer Indie-Rock auch in den Charts weit oben vertreten war.

Die Band mag ihren Sound auf Alben wie dem mit Josh Homme von den Queens Of The Stone Age teils in der Mojave-Wüste aufgenommenen "Humbug" (2009) oder 2013 auf "AM" vorsichtig erweitert und um etwas mehr Pop-Appeal ausgebaut haben. Der zwecks Kundenbindung gerade im Unterhaltungsgeschäft zentrale Wiedererkennungswert war dabei aber in jeder Sekunde gegeben - bis Alex Turner sicherlich seine Gründe hatte, die Band über Nacht neu zu erfinden. Inspiriert etwa vom 1971er-Album "Histoire de Melody Nelson" von Serge Gainsbourg oder dem "Le Samouraï"-Soundtrack zu Jean-Pierre Melvilles gleichnamigem Neo-Noir-Film von 1967, Jazz-infiziert angelegt und atmosphärisch ausstaffiert, entführte "Tranquility Base Hotel & Casino" mit barock unterfüttertem Space-Pop durch unendliche Weiten. Und setzte dort in einer auf den Mond gestellten Hotelbar zur Punktlandung an. Herr Ober, einen Old Fashioned, bitte!

Verträumt und versunken

Die Ergebnisse haben es Turner anscheinend so sehr angetan, dass er das musikalische Konzept für den am Freitag erscheinenden Nachfolger "The Car" gleich noch einmal aufgegriffen und auf die Spitze getrieben hat - während sich der thematische Abschwung in Richtung irdische Gefilde mit Songs übersetzt, die im ruhigen Gleitflug an Höhe verlieren. So tiefenentspannt, wie sich das alles anhört, wäre man selbst nur zu gerne.

Getragen im Tempo, erzählerisch im Tonfall und akut filmisch im Sound: Mit dezentem (Beserl-)Schlagzeug, Fender Rhodes, Klavier, Cembalo und clean gespielten Gitarren wird ein aus der Zeit gefallenes Paralleluniversum gebaut, das verträumt und versunken, ziemlich versunken klingt. Auf Kosten möglicher Höhe-, aber auch Tiefpunkte kommt "The Car" dabei wie aus einem Guss daher, aus dem für sich nichts heraussticht - sieht man eventuell von "Sculptues Of Anything Goes" einmal ab, dessen maschinelles Pochen verführerisch-dräuend in seinen dunklen Sog zieht.

"I had big ideas, the band were so excited / (...) And I cannot for the life of me remember how it goes ... / Nationwide festivities, we had them out of their seats, waving their arms and stomping their feet": Interessant wäre, in welchem Ausmaß sich Alex Turner mit einem Song wie "Big Ideas" als Texter autobiografisch oder (auto-)fiktional betätigt. Mit dieser gedämpften Ballade "of what could’ve been" aus Perspektive eines Sängers, der sich an ferne, glorreiche Zeiten erinnert, schimmert jedenfalls auch der Kater der Musikbranche nach bald drei Jahren Corona-Pandemie durch.

Die für das abermals mit ihrem alten Stammproduzenten James Ford aufgenommene Album zentralen, zart sedierten und schwer nostalgischen Ballroomstreicher verstärken diesen Eindruck noch einmal erheblich.