Heute einmal Pop-Paläontologie, Unterfach: kleine - noch lebende - Dinosaurier. Das älteste der drei hier präsentierten Urtiere - ein Stachelschwein (mit Baum) - ist die englische Formation Porcupine Tree. Vor 35 Jahren, 1987, als Soloprojekt von Steven Wilson gegründet, hat sie sich im Lauf der Jahre mit einigen (Stamm-)Musikern zu einem gewichtigen Art-Rock-Dino entwickelt, bevor Wilson vor 12 Jahren, diesmal unter eigenem Namen, neuerlich auf Solopfaden wandelte.

Heuer ist mit "Closure/Continuation" wieder ein Porcupine-Tree-Album erschienen, an dem drei Musiker beteiligt waren: neben Wilson (voc, guit, b) noch Richard Barbieri (key) und Gavin Harrison (drums). Herausgekommen ist eine klassische Prog-Platte, auch wenn Steven Wilson dieses Genre als Bezeichnung nicht mag. Aber was soll das denn sonst sein, mit seinen hochkomplex verschachtelten, mitunter 9 Minuten langen Pop-Suiten!? Selbst in dem vergleichsweise linear angelegten (und nur viereinhalb Minuten dauernden) "Of The New Day" - einer wunderbaren Folk-Ballade mit druckvollen Einsprengseln - wechselt die Taktart angeblich 52-mal. Und #9, "Never Have", klingt wie ein Überbleibsel aus frühen Genesis-Tagen (also der Gabriel/Hackett-Zeit), anderes mehr nach King Crimson oder Radiohead (#6, "Walk The Plank"). Transparenter, vielschichtig ziselierter Bombast - so paradox und leicht abstrus muss man wohl bezeichnen, was das Trio auf diesem insgesamt elften P/T-Album virtuos zusammenbraut. (Live am 23. Oktober im Gasometer.)

An Pathos, mitunter auch Bombast (der eher melancholischen Art) hat es Madrugada, der norwegischen Band rund um den charismatischen Sänger Sivert Hoyem, ebenfalls nie gefehlt. 1995 aus einer anderen Formation (Abbey’s Adoption) hervorgegangen, erlangte das Quartett in den frühen Nullerjahren nicht nur in Skandinavien Kultstatus. 2007 starb Gitarrist Robert S. Burås unter ungeklärten Umständen. Als nun ebenfalls Trio haben Hoyem, Frode Jacobsen (b) und Jon Lauvland Pettersen (dr) heuer erstmals wieder neues Material herausgebracht. Den ursprünglichen 12 Songs auf "Chimes At Midgnight" wurden nun auf einer erweiterten Fassung noch weitere fünf Stücke hinzugefügt. Alle ähnlich breit und hymnisch angelegt, den virilen Bassbariton Hoyems mit viel Hall und Echo sonor umspielend, ist vielleicht #8, "Call My Name", eine Art Zentralstück. Und das keinerlei Kitsch scheuende Schlussduett mit der norwegischen Sängerin Ane Brun, "You Promised To Wait For Me", ist fürwahr zum Heulen schön.

Die mit zehn Bestandsjahren fast noch jugendlich anmutende kanadische Band Yes We Mystic hat sich mit zwei Alben schon veritable klassische Art-Rock-Meriten erspielt. Nun kehrt das Quintett mit seinem dritten - und definitiv letzten - Album, "Trust Fall", noch einmal zurück - und bündelt darauf alle seine Stärken: Ein in viele Richtungen gleichzeitig drängendes, wild ausuferndes und doch immer wieder in melodische Cluster mündendes Allerlei aus rockigen Klängen, Polyrhythmen und sehnsuchtsvoll himmelwärts stürmenden Gesängen. Aus den zehn überaus stimmigen Mystic-Songs ragen #1, "Long Dream", und #8, "Head Rush", noch ein wenig heraus. Ja, die können das wirklich!