Vor mittlerweile fünf Jahren hatten Vienna Rest in Peace, ein Verbund der Indie-Formation Aber das Leben lebt mit der Liedermacherin Marilies Jagsch und Gregor Tischberger (Kreisky, Mord), ein fulminantes unbetiteltes Debüt herausgebracht: eine bewusst von abgehalfterten Klischees getriebene Reise in eine graue Vorzeit, als es sich noch trefflich über Wien als "sterbenswerte Stadt" und die schlechte Welt im Allgemeinen lamentieren ließ; herrlich überspannt und trunken vor morbider Gefühligkeit in Szene gesetzt.

Wunderbar lässig

Auf Überspannung folgt Entspannung. Mit LP Nummer zwei liefern Vienna Rest in Peace nämlich nicht etwa das Gleiche ein zweites Mal. Schon der Titel "Album für die Jugend" (Trauerplatten)irritiert. Nicht allein, weil VRP natürlich ein eher älteres Publikum ansprechen. Sondern weil besagter Titel eine unmittelbare Hommage an Robert Schumanns gleichnamigen Zyklus aus 43 Klavierstücken ist. Der Ich-Erzähler, der dieses Standardwerk des Klavierunterrichts wieder und wieder geübt hat, bekennt sich zu seiner früher nicht offen gezeigten Verehrung für Schumann - ein Akt der Identifikation mit dem unglücklichen, in einer Anstalt verstorbenen Komponisten.

Die inhaltliche Klammer dieses "Albums für die Jugend" ist indes die Verweigerung gegen alles, was neoliberaler Geisteshaltung gut und teuer ist: Effizienz, Tempo, Selbstoptimierung (und -darstellung). "Ich bete zum Gott der Langsamkeit / dem Herrscher der Gelassenheit/ dass er mich von der Last / der richtungslosen Hast befreit", heißt es "Im Paradies der Langsamkeit", das die Platte geradezu programmatisch eröffnet. Damit kontrastierend ist das Album meist recht flott angelegt und so wunderbar lässig intoniert, als ginge es um das morgendliche Gassigehen mit dem Lumpi.

Leichtfüßig tänzeln Gitarren durch das Klangbild, das hin und wieder durch ein Akkordeon einen Drall Richtung Bänkellied, mit der schönen Zweit- und bisweilen auch Solostimme von Marilies Jagsch aber auch eine folkige Schlagseite annehmen kann. Ein wenig Alt-Wien gibt’s dann schon auch noch: "Die Stadt ist eine Gruft / ich rieche schon den Duft / des Moders und der Spinnen."

Ziemlich viel Wien liegt auch im Schaffen von Tini Trampler & Playbackdolls. Das ist weniger den Inhalten als eher einer musikalischen Vielfalt, die man hierzustadte etwa auch bei einer Formation wie Novi Sad antrifft, geschuldet: Elektronik-Pop, Versatzstücke aus Chanson und Blues sowie gerne mal ein bisserl Karibik-Seligkeit haben die Playbackdolls nicht immer mit leichter Hand, aber jedenfalls recht unbekümmert vermixt.

Auf dem neuen Album, "Chansons 2084" (Medienmanufaktur Wien), stehen die Zeichen dagegen auf Opus magnum. Nicht so sehr wegen des Titels, der übrigens just seinem großspurigen futuristischen Appeal eher nicht gerecht wird, sondern viel mehr in der Kunst, unterschiedlichste Einflüsse in einem formal geschlossenen Rahmen zu konzentrieren.

Ein Traumstart

Instinkt- und stilsicher vermisst Trampler mit ihren versierten Begleitern verschiedene Spielarten des Genres Chanson. In stimmungsvollen Vintage-Arrangements mit Sehnsuchtsakkordeon, Trompete und Twang-Gitarre träumt die Sängerin von Flamingos und erzählt vom Schwimmbad in der Garçonnière - mit wenigstens noch einem Fuß im Alltag.

Ganz im Hier und Jetzt verankert ist hingegen Yasmin Hafedh, die mit Yasmo & die Klangkantine auf "Laut und Lost"(Ink Music) zu ambitionierten Arrangements zwischen Hip-Hop und Jazz wortgewandt Energiediebe, Rollenzwänge und soziale Barrieren ins Visier nimmt. Mit einem gewaltigen Gesangseinsatz von Mira Lu Kovacs im Opener "100K" legt das Album gleich einen Traumstart hin.