Wer rückwärts lesen kann, ist klar im Vorteil. Wobei der streng genommen in Spiegelschrift und Versalien geschriebene Albumtitel "Ytilaer" - umgedreht also "Reality" - zumindest irgendwie auch gleich auf eine falsche Fährte führt. Weil es die eine Wirklichkeit nicht gibt und es sie auch schon vor dem Zeitalter der sogenannten "Fake News" und Deepfakes nicht gegeben hat, taucht der US-Songwriter Bill Callahan schnell in Richtung REM-Phase ab, um sich von dort aus zumindest einer Art Wahrheit anzunähern: "And we’re coming out of dreams / As we’re coming back to dreams", wie es gleich zum Auftakt im Song "First Bird" heißt, in dem der 56-jährige Jungvater als Early Bird zunächst einmal seine Kinder beobachtet.

Erkenntnis aus Unklarheit

Von wegen "Träumeland ist abgebrannt" - und Träume seien am Ende nur Schäume: Vermutlich kommt man dem neuesten Streich Callahans am ehesten über die Traumdeutung nach Sigmund Freud oder C. G. Jung bei. Immerhin entführen die zwölf in 62 Minuten gereichten Songs nicht nur auf der Textebene mitunter tief ins Unterbewusstsein. Auch formal übersetzen sich die verwischten, verschwommenen oder zwischen den Fingern zerrinnenden Botschaften als traumgleiches Kommen und Gehen. So beiläufig die Songs im Regelfall beginnen, so beiläufig verschwinden sie auch wieder, während dazwischen viel Zeit bleibt, um über Erfahrenes zu meditieren - und, wer weiß, vielleicht auch unterdrückte Triebwünsche (Freud) in einer klanglichen Nebelsuppe zu finden, die sich etwa im Song "Planets" zwischendurch Bahn bricht, um danach doch noch einmal Gestalt anzunehmen.

"I realize now that dreams are real": Willkommen im Zwischenreich einer Erkenntnis, die der Unklarheit entspringt. Was passiert, nachdem der Sandmann das Licht abgedreht hat, wissen die Götter. Im Idealfall kommen wir aus dunklen Stunden jedenfalls gestärkt wieder heraus. Oh. Ja! Fürchten sollte man sich also trotz historisch begründeter Angst vor dem schwärzesten Schwarz und den darin umgehenden Nachtmahren also nicht. Manchmal graut einem ja selbst nach Albträumen aus guten Gründen vor allem dann, wenn der Wecker schrillt - und sich die Realität anschickt, Tatsachen zu schaffen. "They say never wake a dreamer / Maybe that’s how we die", wird Bill Callahan dazu im Song "Coyotes" noch berichten.

"Ytilaer"-Albumcover 
- © Drag City

"Ytilaer"-Albumcover

- © Drag City

Passenderweise setzt der Musiker seinen Grummelbariton übrigens sehr gerne so ein, dass man hier auch einem Onkel zuhören könnte, der uns eine Gutenachtgeschichte erzählt. Auch wenn man etwa den Song "Everyway" nicht gleich mit einem Schauermärchen vergleichen muss, um auf das Horrorpotenzial hinzuweisen, das von gestrandeten Seebären ausgeht, die ihre Hände auf einer dem US-Bundesstaat Maryland vorgelagerten Atlantikinsel im Kadaver eines Wildpferdes wärmen. Nicht von ungefähr läutet Bill Callahan den Song mit einem dieser in ihrer lakonischen Prägnanz schwer zu übertreffenden Stand-alone-Sätze ein, die das erneut bei Drag City erschienene Album vom Anfang bis zum Ende durchziehen: "I feel something coming on / A disease or a song." Krankheit oder Kunstausdruck - Wunder des Traums, Schrecken der Kreativarbeit.

"Dream Baby Dream"

Dafür, dass Callahan unter seinem Alias Smog in den frühen 1990er Jahren zunächst vor allem für obskure Lo-Fi-Produktionen mit instrumentalem Übergewicht stand, hat sich der Mann über die Jahre nicht zuletzt als Textautor erstaunlich entwickelt. Songeröffnungszeilen wie "I started writing your death song ..." - Pause - "... long before you were gone" im näher am Leonard Cohen stehenden "Lily" oder Erklärungen wie "If you escaped what I escaped / You’d be stress-eating in a diner in Dallas, too" in "Naked Souls", das sich nach dem gewohnt zarten Beginn als Ausnahme des Albums später auch noch einen musikalisch forcierten Ausbruch erlaubt, holen einen ganz schnell wieder zurück, sollte man über den hübsch mäandernden Songs einmal kurz weggedämmert sein.

Irgendwo inmitten dieser semiakustisch gehaltenen, mit Bläsern interpunktierten und von Stoßseufzern aus dem Hintergrund abgefederten Stücke mit herbstlichem Grundton zitiert Bill Callahan dann auch noch das US-Duo Suicide: "Dream Baby Dream ..." Wie sanft, wie friedlich, wie schön. Bald schon wird uns die Wirklichkeit ohnehin wieder eingeholt haben.