Warum genau die Marx Halle vor Konzertbeginn mit Platzregen und Donnergrollen beschallt wird, wird sich zwar bereits mit dem ersten Song aufgeklärt haben. Am Sonntagabend sorgt die akustische Ausgangssituation zunächst aber jedenfalls dafür, dass gewisse Abwanderungstendenzen in Richtung WC-Anlagen nicht zu übersehen sind.

Permanentes Plätschern soll den Menschen bekanntlich beruhigen, wenn er etwa in einem Massageinstitut seiner nächsten Behandlung entgegenblickt. Auf einem mit zahlreichen Bars mit Schwerpunkt Prost vollgepflasterten Unterhaltungsareal sorgt das hörbar als Erinnerung an unseren letzten Städtetrip nach London angerichtete ständige Nieseln und Prasseln von oben aber in erster Linie dafür, dass man den Drang verspürt, bittebitte und schnellschnell selbst Wasser abzuschlagen.

Die Welt geht unter

Donner, krach, kawumm - und blink: Als kurz nach 20:30 Uhr dann auch noch die Lichtanlage beginnt, Epileptiker gefährdende Blitzschläge zu imitieren, kommen wir des Pudels Kern (mehr Licht!) aber immerhin langsam näher. Während auf der Videowall vielleicht nicht die Sonne aufgeht, aber zumindest unser Heimatplanet, der in den Songs dann auch schon wieder auseinanderbricht, schlurft Sänger Robert Smith gemeinsam mit seiner Leidensgenossenschaft namens The Cure im Zeitlupentempo auf die Bühne, um sich auf einen gewohntermaßen im Stehen, sprich bei körperlichem Totalstillstand absolvierten Konzertmarathon mit letztlich 27 Songs einzustimmen - und ausgerechnet mit den Zeilen "This is the end!" loszulegen.

Damit wird aber nicht etwa der handelsübliche Ablauf so eines Auftritts auf den Kopf gestellt. Nein, der Mann mit dem aus sehr vielen Spinnennetzen bestehenden Haupthaar, der dramatischen Leichenschminke und dem trotz notorisch sichtverstellter Stehplätze noch in den letzten Winkel der Marx Halle strahlenden Lippenstift meint es ernst. Und er macht sich über die letzten Tage der Menschheit zumindest in einer Hinsicht erhellende Gedanken. Gerade die neuen Songs lassen überhaupt keine Zweifel daran, dass alles, wirklich alles schon demnächst vorbei sein wird. "Hopes and dreams are gone / The end of every song."

Schwarz- und Grautöne

Die 1978 gegründete Band hat seit 14 Jahren kein neues Album mehr vorgelegt. Sie präsentiert auf ihrer aktuellen Konzertreise live und exklusiv aber mittlerweile vier Songs aus einem möglichen Nachfolger, der den programmatischen Titel "Songs Of A Lost World" tragen soll.

In Wien wird neben dem zum Auftakt gereichten "Alone" auch noch mit "Endsong", "And Nothing Is Forever" sowie dem erst vor wenigen Tagen in Krakau uraufgeführten "I Can Never Say Goodbye" demonstriert, dass es endlich wieder einen Grund geben könnte, sich auf ein neues Album der Band zu freuen - sofern dieses noch vor der Apokalypse erscheint. Oder wie Robert Smith mit seiner über die Jahre nicht gealterten, mit allem Schmerz dieser Welt erfüllten Klagestimme im wirkungsmächtig geklöppelten besagten "Endsong" zwischen sehr vielen sehr oft wiederholten "Nothings" dazu noch behaupten wird: "I will lose myself in time / It won’t be long / It’s all gone." Allerdings muss man anmerken, dass sich die Band mittlerweile im sechsten Jahrzehnt ihres Bestehens bemüht, den Weltuntergang herbeizusingen, während dieser frecherweise nach wie vor auf sich warten lässt.

Bekanntlich haben wir es bei The Cure, die aktuell wieder zu sechst auf der Bühne stehen und auch mit Stücken wie "Shake Dog Shake" aus dem Album "The Top" von 1984 oder "From The Edge Of The Deep Green Sea" aus 1992 zumindest im Hauptteil kein klassisches Greatest-Hits-Konzert geben wollen, mit Lebensbegleitern zu tun. Und bevor es noch ganz vergessen wird, dass die Band dem auf hoffnungslosen Alben wie "Pornography" (1982) und "Disintegration" (1989) erforschten schwärzesten Schwarz - "Cold", "A Strange Day" oder "Lullaby" sind daraus etwa in Wien zu hören - zwischendurch immer wieder auch etwas lichtere Grautöne abgerungen hat, stimmt Robert Smith als fünfte Nummer auf der Setlist bereits seinen "Lovesong" an und beschwört dabei die größte Kraft, mit der selbst The Cure dem Tal der Tränen für ein paar Augenblicke immer wieder erfolgreich entkommen sind.

Gar nichts ist für immer

Süßes Unglück, wunschloses Unglück: Leider bleibt von den bereits ursprünglich sehr gerne gut in den Hall getauchten Songs in der Marx Halle je nach Standort mitunter nur wenig über. Die Akustik der alten Rinderhalle löscht neben sämtlichen Nuancen auch zentrale Arrangements auf Kosten eines diffusen Gewummers, das vor allem vom Schlagzeug Jason Coopers und den zentralen Bassspuren von Simon Gallup ausgeht. Musikalisch betrachtet haben wir es natürlich mit einer Messe zu tun - für die man in Wien allerdings einen starken Glauben benötigt. Am Ende haben uns The Cure spätestens im Zugabenteil mit "A Forest" und im großen Finale mit allen Hits von "Friday I’m In Love" und "Close To Me" über "In Between Days" und "Just Like Heaven" bis hin zu "Boys Don’t Cry" natürlich trotzdem in die Tasche gesteckt.

"And I know, I know / My world has grown old ...": Besonders eindrücklich in Erinnerung bleibt mit dem erwähnten "And Nothing Is Forever" diesmal aber ein neuer Song, dessen endzeitlicher Abgesang uns dieser Tage tatsächlich durch Mark und Bein fährt. Am Ende siegt auch dabei die Liebe: "But it really doesn’t matter / If you say we’ll be together." Mit seinem zärtlichen Arrangement aus Klavier und Streichern gerät das vor allem auch live zum Heulen schön.