Mavi Phoenix alias Marlon Nader ist aus Österreichs Musikszene nicht mehr wegzudenken. Der Musiker begeisterte bereits mit Singles wie "Aventura" oder mit dem 2020 erschienenen Debütalbum "Boys Toys". Als er sich im Zuge seiner Transition (Anm.: Geschlechtsangleichung) einer Testosterontherapie unterzog, wurde es ein bisschen ruhiger um den gebürtigen Linzer. Auch seine Stimme wurde durch die Hormone tiefer. Im Februar 2022 veröffentlichte er sein neues Album "Marlon", mit dem er aktuell auf Tour ist. Welche Herausforderungen ihm dabei begegnet sind und warum er gerne über Transgender spricht, aber nicht darauf reduziert werden möchte, erklärt Mavi Phoenix im Interview.

"Wiener Zeitung": Sie brachten innerhalb von zwei Jahren zwei
Alben heraus und produzierten davor vor allem Singles und EPs. War es Ihnen bei "Marlon" ein besonderes Anliegen, dass es ein Album wird?

Mavi Phoenix: Ja, ich habe für mich persönlich einfach gemerkt, dass ich ein Albumkünstler bin. Ich mag das auch gern, wenn man Singles produziert. Aber in Zeiten wie diesen, wo wirklich sehr viele Menschen Musik machen, finde ich es eigentlich umso spannender, wenn man sich ein bisschen mehr überlegt und das größere Ganze sieht. Es ist für mich auch einfacher, das Album ist dann ein Projekt. So arbeitet man sich quasi von Projekt zu Projekt und kann das dann auch abschließen.

Warum spielen die Verliebtheit und Sexualität eine so große Rolle auf Ihrem Album?

Ich schreibe einfach das, was mich gerade beschäftigt. Diese Themen waren für mich sicher auch aufgrund der Transition ganz aktuell oder neu. Ich glaube, das hat da reingespielt, dass ich freier wurde und mich getraut habe, über so etwas zu reden und persönlich zu werden.

Waren Sie bei der Produktion von "Marlon" mit Problemen konfrontiert, die Sie vom Album "Boys Toys" nicht gewohnt waren?

Ja, das waren auf jeden Fall meine Stimme und generell die ganze Transition. Das würde ich jetzt nicht als Problem bezeichnen, aber es war schon eine Herausforderung. Ich musste meine Stimme neu kennenlernen und konnte nicht die Musik machen wie zuvor. Das wollte ich aber auch nicht, ich wollte etwas anderes ausprobieren. Ich glaube, ich bin etwas ernsthafter an "Marlon" herangegangen, weil es ja auch das zweite Album war. Ich kannte mich dann schon ein bisschen aus. Mir war wichtig, dass das alles Hand und Fuß hat und dass ich dann wirklich mit jedem Song zu 100 Prozent zufrieden bin.

In "Pretty Life" singen Sie ja nicht nur vom schönen, sondern auch vom heiligen Leben. Was meinen Sie damit?

Ich habe das auf meine Transition bezogen. Man muss es aber nicht immer nur damit verknüpfen. Ich glaube, jeder hat manchmal das Gefühl, dass irgendwie gerade alles scheiße ist. Die Idee hinter dem Song ist, dass ich mir aber auch denke, dass es insgesamt eigentlich ein "pretty life", also ein schönes Leben ist. Und es ist sogar ein heiliges Leben. Ich bin nicht gläubig oder so, aus der Kirche bin ich sogar ausgetreten. Aber ich glaube trotzdem an irgendwas. Das war so gemeint, dass ich froh bin, da zu sein und mein Leben so gestalten zu können, wie ich will. Es gibt so viele Dinge, für die man dankbar sein kann - auch, wenn man gerade schwere Zeiten hinter sich hat.

Die Songs auf "Marlon" zeigen Sie oft von einer verletzlichen Seite, auch Ihre Transition teilten Sie auf Social Media. Hatten Sie keine Angst, sich in der Öffentlichkeit zu verwundbar zu machen?

Nein, nicht so richtig. Ich fand es sogar eher gut, dass ich das mit den Leuten teilen kann, weil ich gemerkt habe, dass die Unterstützung da ist. Natürlich ist es nicht nur einfach. Ich habe ein Jahr lang eine Social-Media-Pause gemacht. Als ich dann zurückkam, sah ich ganz anders aus und klang ganz anders, das war schon stressig. Ich dachte mir, dass ich nun wieder von null anfangen muss. Aber ich würde das immer wieder machen.

Wieso haben Sie damit begonnen, Musik zu machen?

Musik war für mich immer Urlaub vom eigenen Kopf. Ich hörte früher schon gerne Musik, es hat irgendwas in mir bewegt, dass ich mich fallenlassen kann. Fast so wie Meditation, dass man dann ganz woanders ist. Ich fand auch die Leute, die Musik machen, immer so cool. Wir hatten damals eine Live-DVD von Robbie Williams daheim. Der zählt zwar nicht zu meinen Idolen, aber einfach zu sehen, wie der auf der Bühne steht, fand ich beeindruckend. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich einmal Musik machen kann und auf einer Bühne auftrete. Bei mir in der Familie macht das auch keiner. Und genau deswegen wollte ich es gerne mal probieren.

Was lieben Sie an Ihrem Leben als Sänger?

Ich liebe, dass alles mit einer Idee im Kopf beginnt, die man zu etwas Echtem - zu einem Song - macht. Der kommt auf eine CD oder auf Vinyl, dann dreht man ein Video dazu und stellt es online. Ich finde es so cool, dass man etwas kreiert und aus dem Nichts erschafft.

Wie empfinden Sie den medialen und öffentlichen Umgang mit dem Thema Transgender?

Es ist, glaube ich, wichtig, dem Thema Respekt entgegenzubringen, gleichzeitig aber auch nicht so viele Berührungsängste damit zu haben. Ich hab das bei mir schon gemerkt, dass viele Leute am Anfang gar nicht wussten, wie sie mit mir reden sollen. Ich denke, als Transperson ist es gut, wenn man versucht, den Leuten zu zeigen, dass man davor keine Angst haben muss, dass man ein ganz normaler Mensch ist und keine Extrawünsche hat. Von meiner Seite aus muss man es gar nicht zu so einem riesigen Ding machen. Also das hätte ich mir medial und privat öfter gewünscht. Es ist eben einfach da und ich rede auch gern darüber, weil ich glaube, dass es anderen Trans-Leuten hilft und es für Nicht-Transpersonen vielleicht interessant ist zu hören, was das überhaupt ist. Aber man muss Menschen nicht darauf reduzieren.

Wie oft werden Sie von Leuten auf der Straße erkannt und kam es dabei schon einmal zu einer komischen Situation?

Das hat sich durch meine Transition ein bisschen verändert, glaube ich. Ich war mit meiner Freundin kürzlich auf einem Dinner ihrer Freunde, ich kannte aber keinen. Ein paar fragten mich dann, was ich mache, und ich entgegnete, dass ich Musiker bin. Dann erzählte ich ein bisschen was von mir und sagte auch, dass ich gerade von meiner Tour zurückkomme. Sie wollten dann wissen, wie ich heiße. Und als ich antwortete, riefen einige überrascht: "Was, du bist Mavi Phoenix? Oh mein Gott, das kenne ich ja, das höre ich ja!" Ich glaube, teilweise erkennen mich die Leute noch nicht wieder.