Ob es möglich ist, allem Gefühl dieser Welt Ausdruck zu verleihen und sein Herz im großen Stil auszuschütten, obwohl dafür nicht mehr Zeit zur Verfügung steht als jeweils gerade einmal drei schlappe Minuten, wird hier einerseits zügig und andererseits ohne jedweden Zweifel geklärt. Die Antwort lautet "Oh, Baby!" und kommt als inniges Flehen daher, das die Hörerschaft sofort in die Knie zwingt. Kaum hat Lee Fields seine Stimme erhoben, ist man auch schon verloren. Der aus North Carolina gebürtige und seit Jahrzehnten in New Jersey sesshafte Sänger fällt mit der Tür ins Haus. Und er nimmt dabei keine Gefangenen.

Im Sound der goldenen Ära

Im Alter von 72 Jahren befindet sich Lee Fields hörbar auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Nach späten Meisterwerken wie "Faithful Man" (2012), "Emma Jean" (2014), "Special Night" (2017) und nicht zuletzt dem vor drei Jahren abermals mit seiner Begleitband The Expressions veröffentlichten "It Rains Love" ist dieser Umstand jetzt auch auf dem soeben erschienenen neuen Album "Sentimental Fool" zu überprüfen, mit dem eine Punktlandung im Universum des renommierten New Yorker Labels Daptone Records gelingt.

Das auf feinsten Vintage-Soul im Originalsound einer längst vergangenen goldenen Ära spezialisierte Unternehmen wurde im Fahrwasser des Soul-Revivals um Amy Winehouse bekannt. Und es verhalf bereits mittlerweile verstorbenen stimmlichen Urgewalten wie der großen Sharon Jones oder ihrem Kollegen Charles Bradley, dem ohnehin auf Überwältigung gebuchten "Screaming Eagle Of Soul", zu späten Karrieren und sehr später Gerechtigkeit. Lee Fields, dessen musikalischer Lebenslauf bis in die 1960er Jahre zurückreicht, als ihm seine Mutter der Legende zufolge ihre letzten 20 Dollar und das Busticket nach New York spendierte, und diverse Durststrecken wie vor allem eine Lücke namens 1980er Jahre inkludiert, stand dabei immer ein wenig im Schatten. Doch jetzt ist er an der Reihe.

Ein Bourbon im Juke Joint

Von Labelgründer Gabriel Roth alias Bosco Mann als Produzent an den Reglern in Szene gesetzt und von hauseigenen Spitzenmusikern wie dem Gitarristen Thomas Brenneck, Benny Trok am Bass, Schlagzeuger Brian Wolfe, Label-Mitgründer Neal Sugarman und Ian Hendrickson-Smith am Saxofon sowie dem Trompeter Dave Guy flankiert, eröffnet Lee Fields gleich einmal mit einer Machtdemonstration.

Das zart-zärtliche "Forever" mit seinen lichten Bläserspitzen, den sanften Gitarrenlicks, einer im Hintergrund schmirgelnden Hammondorgel und einem Klavier wie aus einem Juke Joint in Tennessee, in dem vor dem Weg hinaus in die finstere amerikanische Nacht gerade noch eine letzte Runde Bourbon über die Budl geht, demonstriert mit Glanz und Gloria, was Soulmusik ihrem Namen und Wesen nach zu leisten vermag: Diese Musik ist der Schlüssel zur Seele, in der die Sprache der Liebe regiert. Wir haben es mit einer Kunst zu tun, die immer, wirklich immer ins Zentrum des Herzen zielt.

Herzen kann man entweder öffnen. Lee Fields biegt dann mit dem nächsten L’amour-Hatscher um die Ecke, mit dem er sein "Baby" ersucht, noch ein wenig bei ihm zu bleiben. Herzen können aber auch brechen, weshalb sich der Sänger auf und als "Sentimental Fool" erneut sehr viele sehr nachdrückliche "Don’t leave me(s)" aus der Brust reißen wird.

Zwischen diesen beiden Extrembereichen, die sich musikalisch wiederum im weiten Feld von verwischten Sperrstundenballaden und den Ausläufern eines Tanztees in den Swinging Sixties übersetzen, liegt natürlich absolut gar nichts. Von der Himmelfahrt geht es also ohne Umwege zurück in das irdische Jammertal, das sich bekanntlich im Land der Tränen befindet. Bände sprechende Songtitel wie "Just Give Me Your Time", "Save Your Tears For Someone New" oder "What Did I Do" künden davon.

Zwei Jobs

"I’m so tired / When the day is done / I’m working two jobs / Getting paid for one": Humor kann Lee Fields - auf seine Weise - zwischendurch aber auch. Wie etwa im Song "Two Jobs", der nicht etwa sozialrealistisch aus dem Leben der Working Poor berichtet, sondern aus dem gemeinsamen Beziehungsalltag mit einer, nun ja, äußerst liebesbedürftigen Partnerin. "Eleven o’clock - keep a-working / Twelve o’clock - keep a-working / One o’clock - keep a-working / Two o’clock - gotta stop!"

Ganz am Ende muss man Lee Fields dann aber doch noch vehement widersprechen. Die Entschuldigung "I tried to write you an extraordinary song, but this is all I got today" wird im Wesentlichen durch sein gesamtes Spätwerk widerlegt. Inniger und besonderer als jetzt auch auf "Sentimental Fool" können Lieder gar nicht klingen. Oh, yeah!