Seine Familie nahm einen Kredit auf, um ihm sein erstes Instrument zu finanzieren – und traf damit eine goldrichtige Entscheidung. Nicht die Gitarre war es, mit der der am 29. September des Jahres 1935 im US-Bundesstaat Louisiana geborene Jerry Lee Lewis zum Rock-’n’-Roll-Pionier wurde, sondern das Klavier. Er hämmerte darauf mit den Händen ein, er bearbeitete es mit den Ellenbogen und dem Schuhwerk, er spielte es stehend, mit dem Hintern und zu jeder Tages- und Nachtzeit wie besessen, unter Starkstrom – oder beides auf einmal.

Seine furiosen Auftritte wurden zum Markenzeichen, seine Technik aus rhythmusgebendem Boogie-Blues auf der linken Hand und forcierten, gerne um Gospelelemente angereicherten Melodien auf der rechten zum Protosound einer Zeit, in der der Rock ’n’ Roll erst erfunden wurde. Bei Jerry Lee Lewis strahlte er bis zuletzt in Schwarz-Weiß – der Farbe jener 88 Tasten, die der Mann nicht durchgehend im Schrank hatte.

Der Teufel und die Gottesfurcht

"You shake my nerves and you rattle my brain": Auf einer Farm mitten im Nirgendwo des US-Südens aufgewachsen und von seinen Eltern Elmo und Mary Herron Lewis gottesfürchtig erzogen, wurde bereits der junge Jerry Lee zu einem veritablen Troublemaker. Er flog von der Schule, er flog von der Bibelschule und zog im Alter von 21 Jahren nach Memphis, Tennessee, um sich zunächst in der lokalen Barszene zu verdingen – und sich einer Musik hinzugeben, die der Teufel persönlich erfunden hatte. Als Jerry Lee Lewis im Jahr 1956 schließlich die Studios des legendären Labels Sun Records betrat, war dessen Gründer zwar gerade auf Urlaub. Mit den von seinem Tontechniker Jack Clement geleiteten Probeaufnahmen konfrontiert, blieben für Sam Phillips nach seiner Rückkehr allerdings keine Zweifel: "Just get him here as fast as you can!" Der Rest ist (nicht nur Rock- und Rockabilly-)Geschichte.

Mit seinen Aufnahmen von "Whole Lotta Shakin’ Goin’ On" und vor allem "Great Balls Of Fire" begründete und zementierte Jerry Lee Lewis seinen Weltruhm im Stakkato. Trotz und gerade aufgrund der für die Zeit schwer expliziten Songtexte gab es für die Jugend kein Halten mehr. Eine neue Ära war angebrochen, in der Namen wie Chuck Berry, Elvis Presley oder Little Richard den Ton angaben. Gemeinsam mit Elvis, Johnny Cash und Carl Perkins wurde Jerry Lee Lewis Teil des "Million Dollar Quartet", dessen am 4. Dezember 1956 spontan in den Sun Studios abgehaltene Jamsession das Licht der Öffentlichkeit erst Jahrzehnte später erblickte. Dass ausgerechnet Lewis als "Last Man Standing" der Gruppe überblieb, wirkt im Rückblick reichlich unrealistisch.

Skandale und Tiefschläge  

Die Karriere von Jerry Lee Lewis wäre heute undenkbar. Als die Ehe mit seiner damals erst 13-jährigen Großcousine Myra Gale bekannt wurde, galt der Mann aber auch in den USA der ausklingenden 1950er Jahre über Nacht als Persona non grata. Auftritte wurden abgesagt, Radiostationen boykottierten seine Musik. Jerry Lee Lewis flüchtete sich über den Atlantik und dort in Konzerte. Sein in Hamburg aufgenommenes Album "Live At The Star Club" von 1964 dokumentiert die rohe Energie seiner Performance in knapp vierzig Spielminuten und gilt als einer der besten Live-Mitschnitte aller Zeiten.

Bis zu seinem kommerziell erfolgreichen Comeback als Recording Artist dauerte es aber noch. Der Rock ’n’ Roll der Anfangstage hatte sich überholt, in den Charts regierten die Beatles. Jerry Lee Lewis wechselte die Seite und kam mit dem Album "Another Place, Another Time" im Jahr 1968 als Countrysänger zurück. Zwischen 1968 und 1977 schafften es 17 seiner Singles in die Top Ten der Billboard Country Charts. Bevor und während lange Jahre mit nostalgischen Greatest-Hits-Auftritten anstanden, die Jerry Lee Lewis mitunter sehr betrunken, ziemlich ramponiert und nicht nur von Schicksalsschlägen wie dem Tod je zweier Söhne und Ehefrauen gezeichnet bis ins hohe Alter absolvierte, blieb aber noch Zeit, um an seinem Image zu arbeiten. 1976 etwa wurde er in der Nähe von Graceland festgenommen, nachdem er Elvis mitten in der Nacht mit einer Schusswaffe besuchen wollte. Sein Mugshot ging um die Welt.

Drei Jahre später kam Jerry Lee Lewis zum ersten, aber definitiv nicht zum letzten Mal mit den Steuerbehörden in Konflikt, deretwegen er 1993 vorübergehend nach Irland zog. Mit der Verfilmung seines Lebens durch Jim McBride 1989 mit dem Biopic "Great Balls Of Fire" und Dennis Quaid in der Hauptrolle war er unzufrieden. Eine musikalische Ehrerweisung wiederum markierte im Jahr 2006 das programmatische Album "Last Man Standing" mit zahlreichen Gastauftritten diverser Größen wie Mick Jagger, Jimmy Page oder Bruce Springsteen.

Immer wieder stellte sich Jerry Lee Lewis die Frage, ob er für seinen Lebenswandel dereinst in der Hölle schmoren wird. Die Antwort kennt er mittlerweile – vielleicht. Am Freitag ist der Klavierspieler des Rock ’n’ Roll, dessen letztes reguläres Album "Rock & Roll Time" auf das Jahr 2014 datiert, zu Hause in Mississippi an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Der Mann, den sie den "Killer" nannten, wurde 87 Jahre alt.