Eigentlich hätte er längst tot sein müssen. Jerry Lee Lewis, der Mann, der sich gerne "The Killer" nennen ließ, hatte ein wildes Leben, "einen harten, selbstzerstörerischen Lebensstil" - zumindest in seinen jungen Jahren, wie er selbst einmal sagte. Drogen, lange Konzerttouren, sieben Ehen. Die Nachrufe waren schon seit Jahren geschrieben, im Gegensatz zur Musik des Killers blieben sie aber nicht lange aktuell. Seine Ärzte hätten oft gesagt, dass er "schon vor Jahrzehnten" an einer der Krankheiten oder Verletzungen, die er sich im zuzog, hätte sterben müssen, heißt es aus seinem Umfeld. Am vergangenen Freitag kam dann die Stunde derer, die vorbereitet waren. An diesem 28. Oktober teilte das Management des Killers mit: "Jerry Lee Lewis, das letzte Original des Rock, stirbt mit 87." Kaum jemand habe ihm "eine Chance gegeben, bis ins mittlere Alter zu überleben, geschweige denn bis ins hohe Alter", heißt es in der Nachricht.

Ein Sonntag zwei Wochen zuvor. Im Sun Studio in Memphis/Tennessee ist Jerry Lee Lewis noch einer der Lebenden. Der letzte Überlebende - wenn von den ganz Großen die Rede ist. Wenn auf das Foto vom "Million Dollar Quartet" gezeigt wird, um das Unglaubliche glaubhaft zu machen: Dass dieser unscheinbare Backsteinbau an einer Straßenecke knapp zwei Kilometer vom Ufer des Mississippi entfernt einer der wichtigsten Orte der Musikgeschichte, die Wiege des Rock ’n’ Roll ist, zumindest des kommerziellen Teils davon. 1952 hat Sam Phillips es gegründet, 1969 wieder verkauft.

Das Foto, das im Großformat im Vorraum über der Bar mit der Kaffeemaschine hängt und dann noch einmal im Studio selbst, zeigt Elvis Presley sitzend am Piano. Hinter ihm stehen Johnny Cash, Carl Perkins und Jerry Lee Lewis. Das Foto wurde bei einer Jamsession am 4. Dezember 1956 gemacht. Wie es zu diesem Treffen kam, darüber gibt es unterschiedliche Geschichten. Das Foto hängt auch im Museum der Country Music Hall of Fame und signiert von allen außer Elvis im Johnny-Cash-Museum in Nashville.

Im Gefolge von Elvis

Die junge Frau, die Besucher ins alte Sun Studio führt, erzählt die Geschichte vom "Million Dollar Quartet", als wäre sie dabei gewesen: Elvis, der zwar im Sun Studio seine ersten erfolgreichen Songs aufgenommen hatte, aber inzwischen bei RCA Records unter Vertrag stand, habe Sam Phillips besucht. Elvis habe gehört, dass Carl Perkins im Studio Musik machte. Er habe sich spontan entschieden, mitzuspielen. Angeblich hat dann jemand Johnny Cash angerufen und ihm gesagt, dass Elvis in der Stadt ist. Johnny Cash sollte die Geschichte später andersrum erzählen: Er sei vor Elvis im Studio gewesen an diesem Tag. Und da war auch Jerry Lee Lewis, der mit Elvis befreundet war. Wer auch immer zuerst da war: Phillips ließ die Aufnahme ohne Wissen der sich gegenseitig anstachelnden Stars einfach weiterlaufen.

Welche Geschichte wahr ist? Jerry Lee Lewis hätte wohl allen zugestimmt. Einen Biografen, der zur Frage ansetzte: "Ist es wahr, dass . . ." unterbrach der Musiker mit einem "Ja, das war es wahrscheinlich", ohne abzuwarten, um welche Geschichte es überhaupt ging.

Einige Monate später soll es im Sun Studio zu einer weiteren rührseligen Begegnung zwischen dem King of Rock ’n’ Roll und dem Killer gekommen sein. Als Elvis Presley 1957 seinen Armee-Einberufungsbescheid erhalten hatte und ihm klar war, dass er erst einmal raus ist aus dem Geschäft, sei er zu Jerry Lee Lewis ins Studio gefahren. Lewis hatte da schon einige große Songs in den Charts platziert und war damit nicht nur ein Freund, sondern auch ein Konkurrent des King. Unter Tränen soll Elvis zu ihm gesagt haben: "You can have it." Du kannst ihn haben, den Erfolg und den Ruhm.

Jerry Lee Lewis - im Bild auf einer Archivaufnahme aus dem Jahr 2005 - verstarb 87-jährig. 
- © apa / afp / Getty Images / Kevin Winter

Jerry Lee Lewis - im Bild auf einer Archivaufnahme aus dem Jahr 2005 - verstarb 87-jährig.

- © apa / afp / Getty Images / Kevin Winter

Die Angst war sein Begleiter

Der Farmersbub, der 1935 in einer kleinen Stadt in Louisiana geboren wurde und das Glück hatte, dass seine Eltern ihre Farm verpfändeten, um ihm mit acht Jahren ein Klavier zu kaufen, hat es nicht geschafft, den King vom Thron zu stürzen. Aber die Geschichte mit den Tränen hat ihm offenbar gefallen. Auf der offiziellen Internetseite des Killers wird diese Geschichte erwähnt: Jerry Lee Lewis sei der Mann gewesen, der Elvis zum Weinen brachte. Vor allem aber war er ein musikalisches Genie. Es hat Musikkritiker gegeben, die schworen, es gäbe zwei Klaviere auf der Bühne statt nur einem. Jerry Lee Lewis spielte gleichzeitig Honky-Tonk und Blues auf derselben Tastatur, konnte mit beiden Händen Melodien spielen. Er sang Rockabilly, bevor er wusste, dass es für das, was er da tut, einen Namen gibt. Und manchmal hat er auch ein Klavier angezündet.

"Great Balls of Fire", "Whole Lotta Shakin‘ Goin‘ On", "Breathless" - Sam Phillips bezeichnete Lewis als die "talentierteste Person, die er je gesehen habe". Sieben Jahrzehnte stand Jerry Lee Lewis auf Bühnen, konnte die Wände seines Hauses in Mississippi mit Goldenen Schallplatten tapezieren. Er wirkte "unzerstörbar", sinniert sein Management im offiziellen Nachruf.

Sein Begleiter war aber nicht nur der Erfolg. Das sei auch die Angst gewesen, heißt es aus seinem Umfeld. Die Angst vor dem Urteil eines Gottes, an den er ebenso glaubte wie Elvis Presley und Johnny Cash. Die Angst, dass ihn dieser Gott zur Strafe in einen ewigen "Feuersee" werfen würde, weil er das spielte, was viele in der Pfingstglaubensgemeinschaft, der er auch anhing, "die Musik des Teufels" nannten. Er habe darüber auch mit Elvis zu sprechen versucht. Der, so erzählt die Familie, wollte aber nicht darüber reden - und ließ den Killer durch seinen Tod 1977 allein zurück mit seiner Angst.

Christ trotz wilder Musik

"Er hatte sein langes Leben lang jeden Tag um Vergebung und Erlösung gebetet", heißt es im Nachruf, in dem auch Judith, die siebte Ehefrau von Jerry Lee Lewis, zu Wort kommt. Er konnte doch trotz seines Lebensstils, trotz seiner wilden Musik ein guter Christ sein, sinniert sie. "Warum, fragte er sich manchmal, sollte er nicht einer von ihnen sein? Gegen Ende seines Lebens fand er Frieden in einer einfachen Idee: Dass eine Musik, die so vielen Freude bereitete, nur von Gott kommen konnte, und der Teufel, sagte er, hat nichts damit zu tun", heißt es im Nachruf. Und zum Abschied noch eine Geste, eine gute Tat. Nein, keine Blumen für den toten Killer. Die Familie bittet stattdessen um Spenden zu Ehren von Jerry Lee Lewis an die Arthritis Foundation oder MusiCares, die gemeinnützige Stiftung der Grammys/National Academy of Recording Arts and Sciences.

"Er ist bereit, zu gehen", sagte seine Frau Judith kurz vor seinem Tod. Er habe ihr in seinen letzten Tagen gesagt, "dass er das Jenseits willkommen heiße und dass er keine Angst hat".