Iggy Pop: You Want It Darker (Blue Note)

Man hätte das an sich ja für undenkbar gehalten, aber in seiner Coverversion von Leonard Cohens bis heute für Gänsehaut sorgendem Schwanengesang "You Want It Darker" aus dem Jahre 2016 grummelt James Newell Osterberg alias Iggy Pop fast noch tiefer in der Gegend herum als seinerzeit der Meister selbst. Bis schließlich sein Ruf nach Erlösung und himmlischem Frieden erklingt – "Hineni, hineni, I’m ready, my Lord!" –, weiß man also, was mit der Bezeichnung "Grabesstimme" tatsächlich gemeint ist.

Iggy Pop ist 75 Jahre alt, akute Sorgen muss man sich anlässlich dieser überraschenden Wahl für eine musikalische Neuinterpretation aber keine machen. Erst vor wenigen Wochen präsentierte sich der alte Protopunk bei seinem Auftritt im Wiener Konzerthaus – abgesehen von Hüftproblemen – in sehr guter Form. Bei "You Want It Darker" handelt es sich um seine Beigabe für die Kompilation "Here It Is: A Tribute To Leonard Cohen", auf der auch weitere prominente Gaststimmen wie beispielsweise Norah Jones, Gregory Porter, Peter Gabriel oder Mavis Staples Songs des vor sechs Jahren verstorbenen großen kanadischen Liedermachers in neue Bahnen lenken – gemeinsam mit einer Gruppe an Jazzmusikern um Immanuel Wilkins (Saxofon), Bill Frisell (Gitarre), Kevin Hays (Klavier), Scott Colley (Bass) und Schlagzeuger Nate Smith.

Den markanten Hintergrundgesang des Shaar-Hashomay-Chors aus Montreal mag man in dieser Version zwar vermissen, stattdessen hört man einen ruhigen musikalischen Fluss, durch den sich Iggy Pop mit der Gelassenheit eines Mannes meditiert, der – ähnlich, und doch anders als Leonard Cohen – bereits alles gesehen und erlebt hat. "Magnified, sanctified / Be thy holy name": Mit seinem zart wabernden Saxofon, den vorsichtig aufgetragenen Klavierakkorden und dem an die Hotelbar verweisenden Beserlschlagzeug ist zugleich für den Höhepunkt des Tribute-Albums gesorgt.

In der Zwischenzeit hat Iggy Pop übrigens bereits eine weitere neue Single veröffentlicht. Zu den gut geprügelten Klängen seines eigentlichen musikalischen Stammreviers wird in "Frenzy" dann auch wieder gekeift und gekeppelt: "I’m in a frenzy, you fucking prick / I’m in a frenzy, you goddamn dick." Alles ist gut!

Kahlenberg & Ernst Molden: Schöner Mann (Affluenza Music/DSPs)

Es beginnt damit, dass Ernst Molden in Endzeitstimmung über die Gleise spaziert und uns von seinem Plan erzählt, mithilfe der S45 in den Himmel zu fahren. Oh, weh! Nirgendwo stirbt es sich bekanntlich schöner, nachhaltiger und öfter als in Wien, der Stadt des Zentralfriedhofs und oller seiner Toten.

Allerdings wird Ernst Molden dann recht bald mit einer Erscheinung konfrontiert, die man hierorts lieber mit nassen Fetzen davonjagen möchte. Mit seiner Art Engelsruf und weißen Flügeln kommt Kahlenberg-Sänger Frank Hoffmann daher, um dem Tod höchstpersönlich an die Gurgel zu springen. Das klingt dann aber eh auch recht schön wienerisch: "Geh, komm, die Lage hoffnungslos, aber nicht ernst / Steig mit die Maßschuh von den Gleisen, alter Herr / Ein schöner Mann g’hört nichts aufs Eisen von der Bahn / Er soll als Ganzes in die Gruft hinunterfahren . . ."

Nach Moldens einläutender Folk-Blues-Litanei am Gehstock sieht man im Refrain dann auch musikalisch wieder ein Licht, das diesfalls nicht das Licht der Ewigkeit sein soll. Die positive Gefühle verbreitende Mitsingmelodie stellt die Zeichen auf Pop und macht sämtliche Pompfüneberer arbeitslos, während die Musiker des Döblinger Quintetts in der Leichenhalle untot in ihren Särgen rotieren. "Wir sind eh sicher nicht lange hier / Schatzi, sei gut zu dir!"

Dem Tod mit Humor beizukommen, das war bekanntlich auch eine Meisterleistung des . . . Meisters. Oder wie es in Leonard Cohens "Tower Of Song" bereits im Jahr 1988 so schön hieß: "I said to Hank Williams, how lonely does it get? / Hank Williams hasn’t answered yet."