Nicht nur Wien hat seine Kreativzellen und Integrationsfiguren wie Ernst Molden. Auch das Burgenland hat eine Art Sammelpunkt, um den sich musikalisches Potential innerhalb des Bundeslandes und auch von außerhalb konzentriert: Thomas Pronai, der in der Cselley Mühle in Oslip ein Studio betreibt und dessen Dienste als Produzent und Toningenieur von vielen in Anspruch genommen werden. Auch Molden, Der Nino aus Wien oder Willi Resetarits haben sich schon bei ihm eingefunden. Aktuell aber verantwortet der Allrounder zwei Werke lokaler Spitzenkräfte: die neuen Alben von Kristoff und Thomas Andreas Beck.

Intensive Einheit

Christoph Jarmer hat nach seinem nicht ganz konfliktfreien Abgang von der Gruppe Garish, die für den deutschsprachigen Indie-Pop/Rock in Österreich Maßstäbe gesetzt hat und kreativ von seinem Bruder Thomas als Sänger und Texter dominiert wird, verschiedenerlei versucht: Schon während seiner Zeit bei Garish spielte er mit seinem Projekt Esteban’s englischsprachigen Indie-Rock. Schon mit Dialekttexten, aber ausschließlich elektronischen Arrangements fuhr er als Oberst Stern auf. Beides erwies sich als letztlich unbefriedigend: Bei Esteban’s fehlte ihm die Unmittelbarkeit der Inhalte; und vollelektronische Musik, wie er sie im Oberst-Stern-Projekt machte, war letztlich nicht seins.

Als Kristoff ist Jarmer nicht nur seinem echten Namen maximal nahe gekommen, sondern ziemlich sicher auch seinen künstlerischen Vorstellungen. Oder er hat sie damit für sich definiert. Schon seine erste LP "Aus da Haut" (2020) klang so mühelos aus dem Ärmel geschüttelt, als habe er nie etwas anderes gemacht. Der nun vorliegende Nachfolger "Gold, Rausch & Scherben" (Wohnzimmer Records/Rough Trade) verbindet diese Leichtigkeit mit etwas mehr formaler Stringenz.

Man muss keineswegs alles goutieren, was Kristoff auffährt: Eine Zeile wie "Gib di hin / aber g’schwind" gibt durchaus ein mittelstarkes Stirnrunzeln her. Die diesfalls an Nötigung grenzende Dringlichkeit, die gelegentlich auch einmal an Auf-Dringlichkeit anstreifen kann, ist allerdings auch der Trumpf des Songwriters und Interpreten Jarmer: Es gibt vor Kristoff kein Auskommen; die intensive Einheit aus Musik und Texten gewährt keine Erholung und kaum Ablenkungen etwa in Form ironischer Brüche.

Dazu trägt auch die musikalische Form bei, die nach dem vergleichsweise vielseitigen Debüt wesentlich strikter definiert ist: In rein akustischer Instrumentierung besinnt sich Jarmer, der grundsätzlich traditionellem Folk der 70er-Jahre-Machart zuspricht, seiner Sozialisation als Jazzmusiker. Das klingt weniger in seinem Gitarrenspiel durch als in der lockeren Anlage der Songs und insbesondere dem schönen Saxophonspiel Florian Drexlers.

Inhaltlich stehen Beziehungen im Fokus, doch geht es darin selten allein um Interaktionen zwischen zwei Menschen. Manchmal schwärmerisch, manchmal etwas abgehoben, gerieren sich die Szenarien auch als Kampfansagen gegen alltägliche Konformität und - allerdings recht vage definierte - gesellschaftliche Zwänge: "Loss ma di andern für sich sein / die Trottln suin duan wos sei wuin."

Tägliches Getöse

Wo Kristoff die Möglichkeiten der Reduktion auslotet, fährt Thomas Andreas Beck auf seinem sechsten Album "Ernst" (Medienmanufaktur Wien), das dem Sozialforscher und Becks langjährigem Freund Ernst Gehmacher gewidmet ist, mit den Reizen des Mehr auf: Laute E-Gitarren türmen sich auf akustische; wo noch Flächen offenbleiben, werden sie von Orgeln zugekleistert. Natürlich passiert das nicht ohne stimmigen Zusammenhang mit den Inhalten: Krieg, Tod, Flüchtlingselend, aber auch existenzielle Ge- und Verworfenheit und das Getöse, das täglich aus Medien - ob angeblich sozialen oder herkömmlichen - zu uns dröhnt, sind deren Themen.

Vermischt mit Phrasen und geflügelten Worten, die sich in den letzten Jahren in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben, kann das den einen oder anderen raffinierten Twist ergeben. "Demokratie" inszeniert Beck als unbedankten Lebenspartner; "So sind wir hier / so sind wir nicht", beschreibt er an anderer Stelle eine in diesem Land nicht ganz uncharakteristische Kluft zwischen Sein und Schein.

Beck neigt dabei zu einer gewissen Emphase in der Intonation, die ihn für Momente in die Nähe eines André Heller bringen kann. Stets aber weiß er noch instinktsicher die Kurve zu nehmen, bevor er in allzu salbungsvolle Feierlichkeit abschmiert.