Ob es vielleicht die Spione in ihm und um ihn sind, die Brian Molko in einem programmatischen neuen Song wie "Surrounded By Spies" adressiert, ist nicht bekannt. Vielleicht hat es aber auch mit seiner in Stücken wie "Fix Yourself" oder "Too Many Friends" beschworenen Abscheu vor unserer schönen und gar nicht mehr so neuen Social-Media-Welt zu tun, die bedeutet, dass man heute sehr vielen Menschen mit Brett vor dem Kopf ausgesetzt ist - selbst wenn die gerade nicht damit beschäftigt sein sollten, sonderbare Dinge zu posten.

In der Wiener Stadthalle vor am Mittwochabend leider nur 6500 Besucherinnen und Besuchern ruft die britische Band Placebo ihr Publikum jedenfalls noch vor Konzertbeginn dazu auf, auf Fotos und Filmmitschnitte zu verzichten, um etwa auch "Verständigung und die gewisse Erhabenheit des Moments zurückzubringen", wie es auf der Videowall heißt.

Ein Musketier mit Gitarren

Über die Erhabenheit des Moments wird man im Verlauf der 100 Konzertminuten zwar noch diskutieren können. Um Verständigung im klassischen Sinn bemüht sich die mittlerweile zum Duo geschrumpfte und von Gründungsmitglied Stefan Olsdal am Bass komplettierte Band dann aber erst gar nicht. Immerhin ist ihr in Sachen Haar- und vor allem Bartmode derzeit den d’Artagnan aus den "Drei Musketieren" gebender Sänger im Rahmen eines weiteren routiniert abgespulten Auftritts auf der laufenden Europatour eher damit beschäftigt, seinen immensen Gitarrenfuhrpark mit sehr, sehr vielen Instrumentenwechseln zur Schau zu stellen - während die Stück-um-Stück-Abfertigung der 21 Songs ansonsten ohne kommunikativen Kitt über die Bühne geht.

Erstaunlicherweise stößt das Handyverbot dann aber auf mehr Akzeptanz als 2014 am selben Ort, als mit Prince unser liebster sexy Motherfucker dem Elektrosmog an die Gurgel gesprungen war. Tatsächlich erinnern die Publikumsreihen bei Placebo nicht an eine funkelnde Galaxis im Purple Rain der unendlichen Weiten, sondern eher an ein Schwarzes Loch, hinter dem sich außer Rudolfsheim-Fünfhaus nichts mehr befindet.

"Dunkel war’s, der Mond schien helle": Mit der ewigen Finsternis kennt sich die 1994 gegründete Band bekanntlich gut aus. In ihrem ursprünglich auf Teenage Angst und androgyne Alienation gebauten Gesamtwerk unter besonderer Berücksichtigung von Substanz-Abusus und Selbstbetäubung geht die Sonne nur selten auf, auch wenn entsprechende Gegenversuche auf Alben wie "Battle For The Sun" (2009) oder "Loud Like Love" (2013) zumindest zwischendurch angestellt wurden und sich Brian Molko für neue Songs wie die atmosphärische Meditation "Went Missing" über das hauptberufliche Abtauchen ins Nichts einer neunjährigen Veröffentlichungspause mittlerweile mit Yoga-Einheiten inspiriert.

Geistige Kinder der 80er Jahre

Auf ihrem live fast zur Gänze gegebenen, heuer erschienenen und überraschend gelungenen Comebackalbum "Never Let Me Go" mögen in mit wuchtig brummender Elektronik unterfütterten Songs wie dem Konzertopener "Forever Chemicals" oder dem live gewohnt druckvoll dargebrachten "Twin Demons" zwar noch immer alte Geister und Dämonen umgehen. Grundsätzlich hat die Band den Fokus vom inneren Ich darauf aber auch auf das Äußere selbst verschoben. "At the core of the earth it’s too hot to breathe ...": Im mit seiner markanten Keyboardmelodie unmittelbar für Ohrwurmalarm sorgenden "Try Better Next Time" etwa macht sich Brian Molko längst lieber Gedanken darüber, welche Welt er seinem Sohn einmal hinterlässt.

Live von einer vierköpfigen Band unterstützt, die ihren Dienst unter fünf bewegbaren Leinwandmodulen im Bühnenhintergrund leistet und Molkos nasalen Vortrag um einen mitunter zu betont auf großen Stadionrock abzielenden Hochglanzsound samt kreischenden Gitarren erweitert, leisten sich Placebo aktuell aber auch eines: Sie verzichten im Konzert auf beinahe alle Hits, bevor es mit "Slave To The Wage", ihrem alten Abgesang auf die geregelte Erwerbsarbeit, und dem schnittigen "Bitter End" als Ausnahmen nach knapp 75 Minuten auch bereits in den Zugabenteil geht.

In diesem erweisen sich Placebo einmal mehr als geistige Kinder der 1980er Jahre: Das etwas holzschnittartig geratene Tears-For-Fears-Cover "Shout", Kate Bushs "Running Up That Hill", dessen Revival die Band mit ihrer Interpretation bereits im Jahr 2003 vorwegnahm, sowie das beinahe als Replika von Depeche Modes stillem Albumjuwel "Jezebel" von 2009 angelegte Placebo-"Original" "Fix Yourself" beschließen einen letztlich ambivalenten Abend, der einiges eingelöst, manches aber auch nur versprochen hat.