Diese Band war ein Glücksfall – und gleichzeitig eine rare Ausnahme im Geschäft: Ökonomischen Realitäten einer Indie-Band abseits des kommerziellen Glücks zum Trotz, wurden Low um das Ehepaar Alan Sparhawk und Mimi Parker im Laufe ihrer Karriere nicht gesetzter und kompromissbereiter, sondern immer besser und radikaler.

Die im Jahr 1993 in Bob Dylans Geburtsstadt Duluth im US-Bundesstaat Minnesota gegründete und bis zuletzt in ihrer Heimat verbliebene, um wechselnde Bassisten ergänzte Band wurde zu ihrem Missfallen ursprünglich im Umfeld der Slowcore-Bewegung verortet.

Mit verhaltenen Arrangements zu getragenen Tempos jedenfalls untermauerte sie ihre Kernqualitäten bereits auf frühen Meisterwerken wie "I Could Live In Hope" (1994) und "Long Division" (1995): Nicht nur begeisterte ihre Doppelspitze auf letztlich 13 Alben mit schwer unter die Haut gehendem, buchstäblich auch private Eintracht und zwischenmenschliche Wärme vermittelndem Harmoniegesang, vor allem auch schöpfte sie die immense Wirkungsmacht ihrer Kunst aus der betonten Zurücknahme. Mimi Parker trug an ihrem minimalistisch gehaltenen, gerne mit dem Beserl behandelten Drumkit das Ihre dazu bei. Sie sorgte für nichts weniger als für den Herzschlag einer Musik, der sie mit ihrer Stimme – einer Stimme aus einer anderen Welt – gerne auch einen sakralen Anstrich verlieh.

Bestärkung und Katharsis

 

Die Zugehörigkeit des Ehepaars zur Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage mag die Erhabenheit zahlreicher Low-Alben unterschwellig befeuert haben, religiöse Inhalte sucht man in den Songs selbst aber vergeblich. Bestärkung, Kraft, Gemeinschaft und Katharsis wurden von Low in jeder Sekunde, dabei aber säkular vermittelt. Während der Corona-Lockdowns brachte das etwa auch freitägliche Konzerte unter dem an The Cure angelehnten Titel "Friday I’m In Low" mit sich, die die um regen Austausch mit ihrer Hörerschaft bemühte und dabei mitunter auch sehr witzige Band aus dem heimatlichen Wohnzimmer live ins World Wide Web streamte.

Gemeinsam mit ihrem Produzenten BJ Burton experimentierten Low im Spätwerk auf Alben wie "Ones And Sixes" (2015), "Double Negative" (2018) und "Hey What" (2021) mit mehr Elektronik und begruben ihre friedvollen Klänge unter einer Lawine aus Noise. Stücke wie "Disappearing" adressierten dabei mitunter auch bereits das ewige Schattenreich.

Im Jahr 2019 gaben Low im Wiener WUK ein bestes Konzert aller Zeiten, die Wiederholung heuer im Mai absolvierte Mimi Parker bereits krebserkrankt. Nur mehr wenige Auftritte folgten. Am Samstag ist die große Frau aus dem Hintergrund, deren Gesang uns in Mikhaël Hers’ jüngstem Film "Les Passagers de la nuit" erst letzte Woche im Rahmen der Viennale die Kehle zugeschnürt hat, im Kreis ihrer Familie gestorben. Mimi Parker wurde 55 Jahre alt.