Auf dem Cover sieht man Bruce Springsteen wieder neben seinem alten Benziner. Dass diese Inszenierung dem etwas darwinistisch anmutenden Albumtitel geschuldet ist, könnte zwar grundsätzlich gemutmaßt werden. Immerhin gilt das Motto "Only The Strong Survive" in Zeiten der eingeforderten Klimarettung nicht zuletzt auch für den traditionellen Verbrenner. Kann man sich vorstellen, dass der Boss in einem seiner größten Hits über das Davonbrausen in die Dunkelheit der amerikanischen Nacht noch schnell die Steckdose braucht, bevor er sein E-Auto startet?

Aufklärung bringt dann aber bereits der zum Auftakt gereichte Titelsong seines 21. Albums, das am Freitag erscheinen wird. Zu beschwingten Ballroombläsern und einer schmirgelnden Hammondorgel handelt es sich bei "Only The Strong Survive" aus dem gleichnamigen Song von Jerry Butler von 1968 um den mütterlichen Rat, allfälligen Verflossenen nicht zu sehr hinterher zu trauern, weil das Leben in Zukunft noch ganz andere Herausforderungen bereithalten wird.

Im Chevy statt im Tesla

Lektion gelernt: Gleich das anschließende "Soul Days" gemeinsam mit dem mittlerweile 87-jährigen Sam Moore vom verdienten US-Soulduo Sam & Dave klingt nicht nur deutlich entspannter. Bruce Springsteen erzählt uns darin auch von seiner ersten tatsächlichen Liebe und sitzt natürlich auch während dieser musikalischen Sonntagsfahrt ins Abendrot in keinem Tesla: "Those yesterdays / Cruising in my Chevrolet / I held my baby in my arms / But my first love was always those songs ..."

Für den Nachfolger seines bisher letzten Studioalbums, dem altersnachdenklichen "Letter To You" von 2020, hat sich der heute 73-jährige US-Superstar aus dem Autoradio und dem Fußballstadion eine Auszeit vom Songwriting genommen und stattdessen seine Hommage an die Soulszene der 1960er und 1970er Jahre und ihre Kaderschmieden zwischen Motown und Stax vorgelegt. Der Boss wirft also die Jukebox an und kniet sich einmal mehr mit dem ihm zugeschriebenen Arbeitsethos in die Sache. 15 Songs sind es diesmal geworden, nicht alle davon so bekannt wie das erstmals von Frankie Valli intonierte "The Sun Ain’t Gonna Shine (Anymore)", das durch die Walker Brothers zu einem besten Song aller Zeiten wurde, dem auch Bruce Springsteen nichts mehr hinzuzufügen hat.

Der Boss hat dem kommerziell erfolglosen US-Underground-Duo Suicide aus Martin Rev und Alan Vega mit der Coverversion ihres Songs "Dream Baby Dream" im Jahr 2014 spätes Tantiemenglück beschert, in seiner langen Karriere als Recording Artist ist er bisher nur ein einziges Mal im großen Stil als Fremdinterpret in Erscheinung getreten. War sein im Jahr 2006 veröffentlichtes Album "We Shall Overcome: The Seeger Sessions" der Kniefall vor einer Ikone des amerikanischen Folk, stehen jetzt mit ein wenig Rhythm And Blues und sehr viel Soul zentrale Spielarten der Black Music zu Zeiten ihrer Hochblüte auf dem Programm.

Den Mond anheulen

Diese Musik hat ihren Namen nicht von ungefähr erhalten. Mit allem Gefühl dieser Welt aufgeladen und in jeweils knapp drei Minuten mit größter Dringlichkeit vorexerziert, rührt sie entweder direkt ans Herz oder appelliert zwischendurch sehr gerne ans Tanzbein.

Unter Regie seines Produzenten Ron Aniello sowie gemeinsam mit einem weiblichen Backgroundchor, tonangebenden Streichern und den sogenannten E Street Horns anstelle der E Street Band gelingt Bruce Springsteen auf "Only The Strong Survive" (Columbia Records) grundsätzlich beides. Wobei sich die Extrembereiche zwischen "I Wish It Would Rain" von den Temptations aus dem Jahr 1967 - der Boss heult den Mond an! - und dem feierlich-lebensbejahenden "Do I Love You (Indeed I Do") bewegen.

Bruce Springsteen lädt zum Engtanz ("Don’t Play That Song"), fällt mit seinem Hüftschwung ins Haus ("Any Other Way"), erinnert bei "When She Was My Girl" von den Four Tops aus dem Jahr 1981 an den Baby-making-Soul der Marke Barry White und überzeugt nicht erst zum Abschluss mit "Someday We’ll Be Together" mit einem Vortrag, dem man die Erfahrung eines Lebens im sechsten Karrierejahrzehnt zu jeder Zeit anhört.

2023 live in Wien

Stücke wie die innige Version von "Nightshift", die das Totengedenken der Commodores an das Soultrauerjahr 1984 und seine Verstorbenen Jackie Wilson und Marvin Gaye ins Heute transzendiert, oder "Hey, Western Union Man" aus einer Zeit, als noch nicht über den Instant-Messaging-Dienst Telegram, sondern tatsächlich via Telegramm süßholzgeraspelt wurde, untermauern dabei vor allem eines: Mit diesem Album dürfte der Höhepunkt einer Schaffensperiode erreicht sein, in der sich Bruce Springsteen in erster Linie der Nostalgie hingab und -gibt. Wobei sich nach dem Karriererückblick in Form der Kompilation "Chapter And Verse" (2016), seiner im selben Jahr vorgelegten Autobiografie "Burn To Run", der Nabelschau "Springsteen On Broadway" (ab 2017) und den Wurzeln seines erwähnten 2020er-Albums in den frühen 1970er Jahren die Frage stellt, wann, wie - oder ob - der Boss auch wieder einmal an ein mögliches Morgen denkt. Immerhin dürfte nicht zuletzt die für das Jahr 2023 angesetzte Welttournee, die ihn gemeinsam mit seiner E Street Band am 18. Juli wieder ins Wiener Ernst-Happel-Stadion führen wird, abermals im Zeichen der Greatest Hits und anderer Crowdpleaser von seinerzeit stehen.

Nicht nur anlässlich der Gegenwart lässt sich das Gestern derzeit aber wahrscheinlich ohnehin besser an. Dazu tragen nun auch die 15 Songs von "Only The Strong Survive" das Ihre bei.