Ab 10. Februar gehen Paul Pizzera und Otto Jaus auf "Comedian Rhapsody"-Tour. Das gleichnamige Musikalbum mit dem Soundtrack dazu haben die beiden Kabarettisten soeben präsentiert. Und diese dritte gemeinsame CD stellt eine kunterbunte Werkschau dar. Denn Pizzera und Jaus haben alles draufgepackt, was seit ihrem vergangenen Album "wer nicht fühlen will, muss hören" an Liedgut entstanden ist. Drei Lieder haben sie gemeinsam mit der A-Capella-Band Das Wird Super aufgenommen, die nun auch auf der Tour mit dabei sein wird.

Die Bandbreite reicht dabei von zart bis hart, von "Klana Indiana" - einem Plädoyer, sich eigene Schwächen einzugestehen und auch den Gang zum Psychotherapeuten nicht zu scheuen - bis "Shotgun". Das Musikvideo zu diesem recht wilden Song hat vor allem durch den Auftritt von US-Pornostar Riley Reid Furore gemacht. Und zwischen Balladen über Liebe und Herzschmerz wie "Liebe zum Mitnehmen", "Die Sunn und di" oder "Wer, wenn net du" mischen sich Nummern, die im Corona-Lockdown entstanden sind. Damals sang Pizzera zum Beispiel in einem alleine daheim aufgenommenen Facebook-Video über das "Handmännchen" (ja, genau das, was Sie sich jetzt darunter vorstellen).

Es gibt aber auch auf diesem Album wieder eine Ode an die Mama. Mit "Manns genug" wollte Pizzera seiner Mutter, "die mich feministisch erzogen hat", ein Denkmal setzen. Und auch Jaus betont, wie wichtig ihm seine Mama ist, mit der er jüngst ein gemeinsames Kochbuch mit alten Familienrezepten veröffentlicht hat.

Die beiden bleiben jedenfalls ihrer bisherigen Rock- und Popmusikkabarettlinie treu, auch wenn "Die Gedanken sind frei" erstmals auch politische Statements enthält. Die ist man von ihnen bisher nicht gewohnt, aber "jetzt hat es uns einfach gereicht", sagt Pizzera mit Blick auf die jüngsten Ereignisse. Dezidiert politisches Kabarett sollte man von den beiden aber auch wohl künftig eher nicht erwarten. Der inhaltliche Schwerpunkt der ihrer Lieder liegt derzeit jedenfalls auf privaten Beziehungen. Sorge, deshalb in eine Schublade gesteckt zu werden, hat Jaus aber keine. Oder eigentlich ist es ihm egal: "Ja, steckt’s uns in eine Schublade. Ich weiß ja, welche Schubladen ich fülle. Und ich kann es nicht jedem recht machen, und wenn man mich in eine bestimmte Schublade stecken will, ist das auch in Ordnung."

Allerbeste Freunde seit neun Jahren

Fast auf den Tag genau vor neun Jahren haben die beiden Künstler einander gefunden – wären sie ein Ehepaar, würden sie die sogenannte Keramikhochzeit feiern. Nun, verheiratet sind Pizzera und Jaus nicht miteinander, aber dafür allerbeste Freunde – die einander mit zunehmendem Erfolg und Familiengründung privat nicht mehr so oft sehen wie beruflich, was beide bedauern. Aber hin und wieder schaffen sie es schon noch, dass sie gemeinsam um die Häuser ziehen wie früher. Sie sind jedenfalls ein eingespieltes Team, das nicht nur auf der Bühne das Konzept "Vier Hände, drei Instrumente, zwei Stimmen, eine Bühne" zur Perfektion getrieben hat, sondern auch dann, wenn man die beiden getrennt über ihr Verhältnis zum jeweils anderen befragt, einander Rosen streut. So geschehen bei der Präsentation ihres neuen Albums am Freitag in der Grand Etage am Wiener Ring. So nobel die Adresse, so bodenständig geben sich die beiden Stars (als solche kann man sie mittlerweile durchaus bezeichnen, auch wenn sie sich in Understatement üben).

Und jeden Satz glaubt man ihnen dabei aufs Wort. Weil sie auch nach insgesamt 222 Millionen Audio- und Video-Streams, rund 200.000 verkauften Karten allein bei der aktuellen "wer nicht fühlen will, muss hören"-Tour, 100.000 Zuhörern beim Donauinselfest 2018, bisher 11 Platin-Auszeichnungen und 255 Wochen durchgehend mit zumindest einem ihrer Titel in den Charts immer noch genauso unbedarft wirken wie zu jenen Zeiten, als sie jeder für sich an einer Solokarriere als Kabarettisten bastelten und nicht vor tausenden Fans auftraten, sondern vor dutzenden.

Starallüren sind ihnen auch jetzt fremd. Das betont Jaus auch dezidiert: "Wir haben immer gesagt, wenn einer glaubt, dass er deppat wird, dann sagt ihm der Andere: Freund der Berge, du bist in Wahrheit ein kleines Zwutschgerl." Und Pizzera betont die "Dankbarkeit und Demut", von dem leben zu können, was sie gerne machen. "Im Vergleich zu einem Ed Sheeran sind wir kleine Irrlichter – wie muss es dem erst gehen." Sein Credo lautet, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.

"Das ist eine Symbiose"

Beide betonen jedenfalls, wie wichtig der jeweils Andere für sie ist. "Wenn ich den Otto auf der Bühne nicht hätte, dann bräuchte ich eine ganze Band", sagt Pizzera da zum Beispiel. "Er spielt Klavier, Schlagzeug, singt wie ein Engel – das ist eine Symbiose. Wir befruchten uns gegenseitig." Und dass seit dem zweiten Album der Germanist aus der Steiermark so gut wie alle Texte und Melodien verfasst hat, stört den Wiener Ex-Sängerknaben überhaupt nicht. "Beim erste Album haben wir noch mehr gemeinsam geschrieben, aber dann hat sich einfach immer mehr manifestiert, dass der Paul ‚The Brain‘ ist, was Text und Melodie anbelangt." Er selbst fühlt sich sehr wohl mit dieser Arbeitsaufteilung, sagt der Vater einer zweijährigen Tochter (die Pizzera inzwischen ebenso ans Herz gewachsen ist wie ihr Vater). Der Witz über "Paul Pizzera und Band", den sie in einem früheren Bühnenprogramm gemacht haben, ist jedenfalls nicht ganz von der Hand zu weisen.

Und ja, ein bisschen haben sich bei Jaus schon die Wertigkeiten verschoben in der neuen Rolle als Familienvater. "Es gibt zwei Möglichkeiten: Du kannst alles, alles tun, was für die Karriere wichtig ist und dich voll da reinknien. Oder du setzt dich mit dem auseinander, was gerade ist, und das ist ein Kind, das ist eine Familie. Es ist hin und wieder schon schwierig, ein guter Vater und ein guter Partner zu sein, wenn man sieht, was gleichzeitig daneben passiert." Sein Ziel ist, im Alter auf ein gutes Familienleben zurückblicken zu können. Bühnenshows kann er schließlich noch jahrzehntelang machen – einen versäumten Moment mit seinem Kind hingegen bekommt er nicht mehr zurück. "Ich freue mich deshalb umso mehr, dass ich im Paul einen Partner habe, der das so gut versteht. Er ist mein Backup." Und das betont auch Pizzera, der auf die Frage, ob die Vaterschaft Jaus verändert habe, wie aus der Pistole geschossen antwortet: "Wenn, dann nur zum Guten."

"Vollumfänglich" zufrieden

Gutes ist den beiden in den neun Jahren ihrer Freundschaft auch sonst reichlich widerfahren. Dreimal haben die beiden zum Beispiel die ausverkaufte Wiener Stadthalle bespielt. Eine Leistung, auf die sie stolz sein können. Dazu merkt Jaus allerdings an: "Natürlich ist das ein Wahnsinn. Aber ich habe gemerkt: Wenn du vorher nicht zufrieden bist, mit dem, was du tust, wirst du nachher auch nicht zufrieden sein. Weil ja immer noch mehr ginge. Und Zufriedenheit ist kein Umstand, sondern eine Entscheidung, die du für dich selber triffst. Wenn ich Erfolg habe im Leben, ist es, dass ich selber zufrieden bin, mit dem, was ich tue. Und das habe ich. Und das wird mit dem Paul definitiv ein Leben lang so sein." Apropos noch mehr gehen: Natürlich könnten sie noch mehr Konzerte geben, aber "lieber weniger und das dafür ausverkauft", meint Pizzera. Und er zitiert Rainhard Fendrich: "Es ist total cool, wenn du vor tausend Leuten spielst. Aber es ist mindestens genauso befriedigend, wenn du daheim mit der Gitarre auf der Couch sitzt und dir denkst: Das ist geil, was ich da gerade erschaffe."

Neues Album, neue Tour. 
- © Sarah Herzog

Neues Album, neue Tour.

- © Sarah Herzog

Einen Traum hat Jaus natürlich schon noch – oder besser gesagt, er hatte ihn: "Ich hab immer zum Paul gesagt, ich möchte irgendwann einmal ein Stadion füllen. Leider hat sich das jetzt auf andere Weise erfüllt als erhofft. Wir waren ja beim großen Solidaritätskonzert für die Ukraine im Happel-Stadion mit dabei. Ein trauriger Anlass also."

Mit dem Rollator auf die Bühne

Und wo sehen sich die beiden in zehn Jahren? "Ich hoffe, wir machen dann immer noch Interviews mit der 'Wiener Zeitung', das wäre wichtig, weil sie einfach ein gutes Medium ist. Und dass ich weniger und Auserwähltes mache und einfach glücklich bin, etwas erschaffen zu können. Und dass ich immer noch dankbar bin für meinen Erfolg – der ist ja eine Mischung aus Leistung und Zufall. Die Leistung kann ich beeinflussen, und für den Zufall bin ich dankbar", sagt Pizzera. Momentan ist er jedenfalls "vollumfänglich" mit dem zufrieden, was er macht und mit wem. "Ich kann mir nichts anderes vorstellen, wo ich so meinen Tuscher ausleben kann. Und wenn ich Menschen damit auch noch Freude machen oder Hoffnung geben darf, dann muss ich einfach dankbar dafür sein."

Sein Spezi Jaus blickt sogar noch weiter nach vorn und meint schmunzelnd: "Wir werden noch mit dem Rollator auf die Bühne raufgehen – oder wahrscheinlich wird der Paul mich rauftragen müssen." Die beiden sind also im Herbst 2013 zusammengekommen, um zusammenzubleiben. Privat auf jeden Fall, aber idealerweise auch beruflich. "Unsere Freundschaft ist mir extrem wichtig", sagt Jaus.

Erster eigener Kinofilm

Bleibt die Frage: Was tun die beiden eigentlich den ganzen Tag? Man könnte ja meinen, sie hätten einen Lenz: Hin und wieder ein Youtube-Video hochladen, dazwischen an ein paar Abenden im Monat eine Show spielen. In Wahrheit haben sie natürlich eine 40-Stunden-Woche wie jeder andere – oder vielleicht sogar mehr. "Vieles davon ist aber halt für Außenstehende nicht greifbar", meint Pizzera, der nicht nur Songs schreibt und komponiert, sondern sich auch um den Podcast kümmert, voriges Jahr ein Buch geschrieben hat und noch vieles mehr an Dingen erledigt, die man eher nicht so sieht.

Ja, und dann sind die ja auch noch soeben für ihren ersten Kinofilm gemeinsam mit Gregor Seberg vor der Kamera gestanden: In der Krimikomödie "Pulled Pork" um einen korrupten Schweinebauern (Seberg), der Bürgermeister von Graz werden will, spielt Pizzera einen Ex-Polizisten und Jaus einen Ex-Knacki, die plötzlich zusammenarbeien müssen. Mit dabei ist auch Pizzeras Verlobte Valerie Huber. Der Film soll im Herbst 2023 auf die Leinwand kommen. 

"Die Kunst an dem Ganzen ist, dass es genau so aussieht, als wär es leicht", sagt Jaus zu all der Arbeit. Die scheinbare Leichtigkeit des Seins ist also auch bei Pizzera und Jaus hart erarbeitet. Aber sie haben immer noch eine Riesengaudi dabei.