Ob sich Neil Young auch auf dem Asphalt festkleben würde? Eher nicht. Neben seiner jahrzehntelangen Unterstützung für kleine US-Farmer sowie der auf dem Album "The Monsanto Years" von 2015 unternommenen direkten Konfrontation mit einem langjährigen Marktmajor in Sachen Saatgut und Herbizide greift der große Sturschädl des Folkrock lieber zu anderen Mitteln, um für Mutter Erde zu kämpfen.

Spätestens seit seinem Antikriegsalbum "Living With War" von 2006 und vor allem dem Klimaaktivismus betreibenden "Earth" von 2016 hat der US-Kanadier seinen Widerstandsgeist nicht zuletzt auf seine alten Tage wieder für sich entdeckt. Konkret führte das erst heuer bereits auch zum freiwilligen Abschied von Spotify aufgrund eines Podcasts des für seine Aussagen zur Corona-Pandemie umstrittenen US-Komikers Joe Rogan. Geld hat Neil Young bereits genug. Man muss es sich im Alter von 77 Jahren deshalb nicht gleich noch gemütlicher machen.

Klimaverpester

Aktuell bringt der ewige Unruhestand des Musikers mit den Spezialgebieten Dagegensein, Anecken und Sicher-niemals-die-Pappen-Halten das zweite Studioalbum innerhalb von nur elf Monaten mit sich. Nach dem erst im Dezember des Vorjahres veröffentlichten "Barn", Dokument des musikalischen Rückzugs in einen Stadl in Colorado, erscheint am kommenden Freitag bereits der Nachfolger. Wobei sich dessen Titel weniger auf einen möglichen Weltrekord als vielmehr auf die sogenannte "Welthaltigkeit" der Inhalte bezieht. Immerhin geht es auf "World Record" um nichts weniger als den Heimatplaneten, dessen Zukunft nicht nur aufgrund der Erderwärmung fragwürdig erscheint. Auch gesellschaftliche Klimaverpester wie Hass und Krieg spielen in den elf neuen Songs eine Rolle.

Warum ausgerechnet ein altes Foto seines damals noch jungen Vaters das Cover ziert, dürfte nur Neil Young selbst wissen. Womöglich hat es mit der im mächtig unter Strom stehenden Bottleneck-Blues von "Break The Chain" beschworenen Endlichkeit von allem zu tun - oder mit dem Thema "Fake News", dem sich das als zärtliches Wiegenlied für die sogenannte Letzte Generation angerichtete "The Long Day Before" samt Gruppengesang und Mundharmonika widmet. Immerhin war der 2005 im Alter von 87 Jahren verstorbene Scott Young ein profilierter Journalist, der auf insgesamt 45 Buchveröffentlichungen zurückblicken konnte.

Abermals mit Neil Youngs alten Verbündeten Crazy Horse um Billy Talbot am Bass, Ralph Molina am Schlagzeug und dem auch von seiner Arbeit in der E Street Band Bruce Springsteens bekannten Multiinstrumentalisten Nils Lofgren eingespielt sowie in Rick Rubins Shangri-La-Studio in Malibu aufgenommen, eröffnet das Album mit "Love Earth" zu zurückgenommenem Beserlschlagzeug, milde gestimmtem Honky-Tonk-Klavier und im Blues verwurzelten Gitarren noch recht harmonisch. Wenn man die Erde liebt, bekommt man diese Liebe auch wieder von ihr zurück, so der Sänger mit der zunehmend unwahrscheinlich dünnen (Kopf-)Stimme, den man im begleitenden Musikvideo auch als eine Art Baumhologramm sehen darf, bevor er im Rambler "Overhead" sein musikalisches Selbstporträt als Vogel zeichnet. Der zwitschert uns auch im Anschluss ein paar hübsche Melodien von seinem Stammast herab.

Dabei gibt Neil Young der Hörerschaft auf seinem insgesamt 42. Album sowie dem 15. mit Crazy Horse wieder mit Freude kalt-warm. Freundlich-nostalgische, als gemütliche Altherrenrunde erarbeitete Stücke wie der Schunkler "This Old Planet (Changing Days)" wechseln mit im Standgas aufgedrehtem Stromrock von programmatisch betitelten Songs wie "This World (Is In Trouble Now)". Beide Ausformungen werden als Missing Link diesmal mit dem von Nils Lofgren gespielten Akkordeon zusammengehalten.

Ein Mann und kein Auto

Den Schlüsselsong des Albums jedenfalls reiht Neil Young erst an die vorletzte Stelle. Das in bester Crazy-Horse-Manier mit glühenden Gitarren auf über 15 Spielminuten ausgedehnte "Chevrolet" eignet sich eher nicht für einen Werbespot der gleichnamigen US-Automarke. Stattdessen hört man einen Abgesang auf den Verbrennungsmotor, der dem alten Benzinbruder in Neil Young bei einer Erinnerung an einstige Spritztouren zwar ursprünglich noch das Herz zu zerreißen droht: "Oh, but it feels so good!!"

Der weitere Verlauf lässt dann aber keine Zweifel mehr, in welche Richtung die Reise geht - und wie. Neil Young hat seinen alten Lincoln bekanntlich schon im Jahr 2010 auf Hybridantrieb umgerüstet und sagt jetzt dem Chevy leise Servus. "We were young and foolish, but that’s behind us now ..."

Ein Mann und kein Auto kämpfen gegen das Unrecht. Nur eine Unterredung mit Bruce Springsteen, der auf seinem aktuellen Album "Only The Strong Survive" wieder fossil durch die Nacht braust, wäre jetzt noch interessant.