In einem auch nur halbwegs weit gefassten Sinn finden sich schnell einmal "politische" Inhalte in Pop-Werken. Selbst eher den Segnungen des Hedonismus verpflichtete Künstlerinnen und Künstler wie Madonna oder Prince haben in Songs schon einmal Missfallen über die amerikanische Lebensart oder exekutive Gewalt anklingen lassen.

Über den richtig harten Protestsong aber, der so weit geht, die Gesellschaftsordnung in Frage zu stellen, traut sich selten wer drüber. Ry Cooder wagte das einige Male, etwa auf seinem 2018er-Album "The Prodigal Son", auf dem er Songs aus fremder und eigener Feder zu einem dichten Narrativ über Xenophobie, Gentrifizierung, Gier, Ausbeutung und deren Perpetuierung in politischer Praxis zusammenfügte.

Geistige Zwerge

Auch Jeb Loy Nichols scheut sich nicht, ein großes Wort gelassen auszusprechen. Immerhin hat er schon einmal angeregt, man möge Reichtum doch als Verbrechen sehen. Auch auf seiner neuen LP - seiner summa summarum 21. - fährt Nichols harten Tobak auf, wie schon der Titel "United States Of The Broken Hearted" indiziert.

Wie Cooder greift er dabei auf das American Songbook zurück. Die zwei zentralen Songs, die das Wesen des Albums definieren, stammen aus der großen Zeit des Protestsongs: "I Hate The Capitalist System" von Sarah Ogan Gunning, einer 1910 in Kentucky geborenen und 1983 verstorbenen Folksängerin, die gut mit Woody Guthrie bekannt war. Von diesem wiederum stammt der Text zum Stück "Deportees" (die Musik schrieb Martin Hoffman).

Ausrufezeichen stehen hinter diesen Rückgriffen. "I Hate The Capitalist System", die 1937 entstandene, bittere Hommage an die ausgebeuteten Minenarbeiter in den Bergen Kentuckys, wird da zum Synonym für die Untauglichkeit des Kapitalismus als Gesellschaftssystem: Egal, wie man ihn modifizieren oder abfedern will - er funktioniert einfach nicht.

In "Deportees" spiegelt sich ein Stück Medienkritik unter der Oberfläche des scheinbar immer brisanten Migrationsthemas: In den USA war es nach dem Krieg gängige Praxis, bei Bedarf in der Landwirtschaft illegale mexikanische Arbeitskräfte (natürlich unter strenger Überwachung) zu beschäftigen und nach verrichteter Arbeit wieder abzuschieben. Im Jänner 1948 stürzte ein Flug mit 28 solcher billigen Arbeitskräfte, die gerade eben ihre Schuldigkeit getan hatten, auf dem Weg zu einem Abschiebezentrum in einem kalifornischen Canyon ab. Es ist indes weniger das Drama an sich als der würdelose Umgang mit der Identität der Opfer in den Medien, den Guthrie (und mit ihm Jeb Loy Nichols als sein heutiger Botschafter) hervorhebt: "Ihr habt nicht einmal Namen, wenn ihr mit diesem großen Flugzeug fliegt, alles was sie euch nennen werden, ist Abzuschiebende (,deportees‘)."

Um diese Marksteine herum erzählt der seit schon Ewigkeiten in Wales lebende Nichols seinen amerikanischen Landsleuten, dass sie geistige Zwerge sind, nimmt die Perspektive eines der vielen ein, denen ihr Land alles schuldig geblieben ist, räsoniert - mit wenig schmeichelhaftem Resultat -, was der Mensch im Vergleich zu Tieren den ganzen Tag tut. Dabei wird seine leicht näselnde Stimme keine Sekunde lang laut.

Großer Rundumschlag

Unaufgeregtheit - dieses Merkmal zieht sich durch die Karriere des Jeb Loy Nichols, seit er es in den frühen 90er Jahren als Kopf der Formation The Fellow Travellers mit einer Mischung aus Dub, Reggae und Country fast zu Starruhm gebracht hätte. Beizeiten widmete er sich, solo oder in Formationen wie den Okra All-Stars, stärker dem Genre Country, um es vom Anruch der reaktionären Hinterwäldlermusik zu befreien, zeigte sich aber auch, wie auf "Jeb Loy" (2021), als versierter Soul-Interpret. Für "United States Of The Broken Hearted" hat er sich mit dem großen Produzenten und Dub-Spezialisten Adrian Sherwood zusammengetan. Mit dem ist er zwar schon seit Ewigkeiten befreundet, hat aber erst 2016 für das exquisite Album "Long Time Traveller" kooperiert.

Das neue Album ist, wiewohl hauptsächlich akustisch angelegt und von Sherwood zurückhaltend und relativ effektarm produziert, als großer Rundumschlag angelegt: Bluegrass, Jazz, Reggae, Soul, Country und Folk finden mühelos ihren Weg in "United States Of The Broken Hearted", dieses Riesen-Werk, das, gestützt auf seine klare inhaltliche Positionierung, in all seiner Vielfalt ein stimmiges Ganzes ergibt.