"It’s been a death march / The whole world is crumbling." "California’s my body / And your fire runs over me." Oder auch: "Livin’ in a lost time / The dawning of a brand new man / So much blood on our hands ..."

Es muss vielleicht nicht gleich Death Metal sein, eine andere, nicht ganz so lasche musikalische Umrahmung würde man sich zu Zeilen wie diesen aber auf alle Fälle erwarten. Die 34-jährige US-Songwriterin und Sängerin Natalie Mering alias Weyes Blood hingegen setzt dazu auf friedlichen Westcoast-Folkpop, dem man die Nachwehen der Hippie-Ära und die nassen Haare im Fahrtwind nach einem langen Strandtag noch anhört. Zu gediegenen Klavierakkorden, sanft gestimmten Softrockgitarren, taumelnden Harfen aus der Blütezeit des Barockpop und nicht zuletzt ätherischen Stoßseufzern und einem an Joni Mitchell geschulten Gesang kämpft bei Weyes Blood allerdings gerade der Heimatplanet ums Überleben.

Text-Ton-Schere

Die aus Pennsylvania gebürtige Wahlkalifornierin widmet sich auf ihrem neuen Album "And In The Darkness, Hearts Aglow" (Sub Pop), dem zweiten Streich einer zuletzt rückwirkend ausgerufenen Trilogie, den Polykrisen unserer Zeit - und deren Folgen.

War der Vorgänger "Titanic Rising" im Jahr 2019 noch so etwas wie ein Vorglühen für den drohenden Weltuntergang, befindet man sich jetzt bereits mittendrin. Wobei neben der zu Hause in Kalifornien etwa mit regelmäßigen Waldbränden spürbaren und in Songs wie "Children Of The Empire", "The Worst Is Done" oder "Grapevine" in akustischer Nähe zu einer Sperrstundenballade von Lana Del Rey ihr Unwesen treibenden Klimakrise auch eines im Zentrum steht: Weyes Blood besingt die vor allem technisch beschleunigte und algorithmusgetriebene Singularisierung der Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf den einzelnen - auf jeden einzelnen. Selbstoptimierungswahn, Überforderung und Depressionen inklusive.

Festgemacht wird das Narrativ gleich im eröffnenden "It’s Not Just Me, It’s Everybody" an der zunächst banal erscheinenden Szene einer Party, in die sich das lyrische Ich nicht so recht integrieren kann - und letztlich bemerkt, damit nicht allein zu sein. Im besten Fall entdeckt Weyes Blood ihren Kampfgeist - keine Zeit mehr, um Angst zu haben! - oder in Songs wie "A Given Thing" oder "Hearts Aglow", einer flammenden Wiederbelebung an der Schwelle zum Abgrund, Trost in Liebe und Zusammenhalt. Im schlechtesten Fall hingegen bleibt nichts mehr, das noch Hoffnung spendet. Allerdings geht auch dabei die Text-Ton-Schere weit auf. Mitunter mit weihnachtlichem Glockengeläut ausstaffiert und feierlich im Walzertakt oder beschwingt im unterschwelligen Sound einer Girl-Group aus den 1960er Jahren gehalten, übersetzt sich das besungene Unheil musikalisch nur sehr bedingt.

Spirituelle Erweiterung

Natalie Mering wurde im Bible Belt erzkonservativ und streng christlich erzogen. Die Sieben Plagen aus der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament dürften ihr also bestens bekannt sein. Mit ihren frühesten musikalischen Gehversuchen mit Jackie-O Motherfucker sowie - arrgh!! - als Sängerin der Band Satanized hat sie sich zwischendurch zwar erfolgreich emanzipiert. Der unüberhörbar im Kirchenlied wurzelnde Andachtsgesang und die Keyboardorgel des Songs "God Turn Me Into A Flower", Weyes Bloods Flehen um mehr Zartheit und Zärtlichkeit, dürfen nun aber zumindest als partielle Rückkehr in den Mutter-Gottes-Schoß des Glaubens verstanden werden, der hier eine spirituelle Erweiterung erfährt. Die am Ende zwitschernden Vögel etwa mag man als naturnah-esoterisch empfinden, man kann sie aber auch schlicht als doch recht kitschig bezeichnen.

Davor und dazwischen steht die Welt in diesen 46 weitgehend von Jonathan Rado von Foxygen produzierten Spielminuten in Flammen. Danach wird sie untergehen. Weyes Blood, deren Musik derzeit vielerorts als tröstlich empfunden wird, empfiehlt sich: "They say the worst is done / But I think the worst has yet to come now / I hear it from everyone." Es gibt gute Gründe, sich dieser Einschätzung anzuschließen.