Es gibt kaum einen Song auf "Thriller" von Michael Jackson, der kein Hit geworden ist. Kunststück, ist die Platte, die vor 40 Jahren, am 30. November 1982, erschienen ist, doch nach wie vor das weltweit meistverkaufte Album. Die Lieder, die einem als Erstes einfallen, sind wohl die Über-Hits "Billie Jean", "Beat It" und natürlich das titelgebende "Thriller". Man denkt an das fiese Lachen, das Horror-Star Vincent Price zum Gruselsong beigesteuert hat. Man denkt an den silbern-paillettierten Handschuh, den Michael Jackson zu jener "Billie Jean"-Zeit zum Markenzeichen gemacht hat. Man denkt an die rote Lederjacke, die Jackson im Video zu "Beat It" beim ikonischen Gang-Kampf-Tanz zu Eddie van Halens Gitarrensolo trägt.

"Why, why"

Doch die nachhaltigsten Spuren der Platte im weiten Feld der Unterhaltungsmusik zieht heute ein vergleichsweise zurückhaltendes Stück. Drei Jahre nach Erscheinen adelte Jazz-Ikone Miles Davis schon "Human Nature" mit einer Cover-Version. Die Ballade beginnt mit einem einherwabernden Intro, das mit glöckchenartig plingenden Synthie-Tupfern nach und nach immer mehr aufgehellt wird. Wie ein lila Nebel, in den türkise Regentropfen ploppen - um in der Farbfamilie der 1980er zu bleiben. Das ist so eine einprägsame und gleichzeitig so anschmiegsame Musik-Kurzstrecke, dass sie bis zum heutigen Tag immer wieder gern eingesetzt wird, manchmal nur kurz, manchmal als Leitmotiv - als Sample, wie man das in der Fachsprache des populärmusikalischen Eklektizismus nennt. Etwa von R&B-Star Usher, der im Song "Slow Motion" mit Hip-Hop-Größe Drake vor einer subtilen "Human Nature"-Klangkulisse rappt. Ähnlich charakteristisch ist das "Why, why" des Refrains, mit dessen Wiedererkennungseffekt zeitgenössische Künstler auch nach 40 Jahren noch arbeiten. Das wird beispielsweise von der Hip-Hop-Band Blackstreet im verräterisch betitelten Song "Why Why" ausgiebig zitiert.

Als "Thriller" 1982 erschien - nachdem die verbissenen Perfektionisten Jackson und Produzent Quincy Jones zwei Monate Aufschub gebraucht hatten, um noch bis zur letzten Sekunde Verbesserungen vorzunehmen -, war die Plattenindustrie und somit auch Jacksons Label Epic in einer veritablen Krise. Doch gerade diese Ausgangssituation bereitete den Boden dafür, dass dieses Album auf so vielen Ebenen revolutionär sein konnte - nicht zuletzt, was die (Selbst-)Vermarktung von Popkünstlern betrifft. "Thriller" gelang es meisterhaft, die Balance zwischen R&B und Pop, Disco und Rock, Funk und Balladen zu halten. Das führte zu einem so großen Massen-Appeal, dass teilweise die Produktion anderer Schallplatten gedrosselt werden musste, damit man die Nachfrage nach "Thriller" bedienen konnte.

Mit dem spielfilmartigen Musikvideo zu "Thriller" - mit der Zombie-Choreografie, die noch immer von Schulaufführungen bis zu Flashmobs verwendet wird - setzte er völlig neue Maßstäbe für das noch junge Genre. Eine Million Dollar kostete das Werk von Regisseur John Landis - bis dahin war man bei Videos mit einem Fünftel davon ausgekommen.

Barriere für Schwarze

Als teuerstes Video ist "Thriller" freilich längst eingeholt. Taylor Swifts "Look what you made me do" kostete 2017 das Zwölffache - übrigens tritt sie in dem Video auch kurz als Zombie auf. Mit den Videos zu "Billie Jean" und "Beat It" gelang es Michael Jackson bereits zuvor, die Barriere für schwarze Künstler im Musiksender MTV niederzureißen und diese Bühne zu einer der wichtigsten Vermarktungsplattformen der Popkultur über Jahrzehnte zu machen.

Nicht zuletzt war "Thriller" ein Befreiungsschlag für Michael Jackson persönlich. Besonders eindrücklich machte er das klar bei einer Motown-Jubiläumsgala 1983, in der er zum einen jene legendäre Soulpop-Schmiede ehrte, die auch seine Karrierewiege mit der Brüder-Gruppe Jackson 5 gewesen ist. "Diese alten Lieder liebe ich", sagte er da, "aber besonders liebe ich die neuen Lieder." Und dann sang er "Billie Jean" und führte erstmals den Moonwalk vor.

Mit dem würdigte er James Brown, eine weniger sacharinhaltige Seite der Black Music, und zeigte gleichzeitig, wie er, Michael Jackson, es schaffte, alle diese Einflüsse zu etwas ganz Neuem zu entwickeln. Ein genialer Auftritt, mit dem Michael Jackson die Schöpfung seiner Persona in Gang setzte. Eine einzigartige in der Geschichte der Popmusik - die ihm freilich alle bekannten Höhen und Tiefen bescheren sollte.