Dass es Schriftsteller zur Popmusik zieht, passiert nicht häufig, aber ein exotisches Phänomen ist es auch nicht. Nicht einmal in Österreich. Es ist zwar schon etwas in Vergessenheit geraten, aber Ernst Molden hatte bereits einige Romane veröffentlicht, bevor er seinen anfangs durchaus beschwerlichen Weg zur Integrationsfigur der Wiener Liedermacher-Zunft antrat. Und auch von Thomas Andreas Beck lagen Bücher vor, ehe er seine Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen als Sänger und Songwriter austrug. Rapperin Yasmo hatte sich bei Poetry Slams bewiesen. Literatur und Pop sind eine weniger problematische Affäre, als es diverse Kreuzungsversuche von Pop mit anderen Musikformen - Klassik, Jazz - sein können.

Herrlich abseitig

Lukas Meschik hatte sich mit Romanen, Erzählungen und Lyrik bereits einen literarisch geachteten Namen erarbeitet, ehe es ihn mit der Band Filou als Musiker an die Rampe trieb. Mit seiner aktuellen Formation Moll bestätigt er sich als einer der substanziellen Songschreiber dieses Landes.

"Musik", das erste Moll-Album von 2020, mochte bisweilen noch ein wenig brav und beflissen klingen - aber es war ein astreines Pop-Statement, das bestens um die Gesetze des gepflegten Indie-Gitarren-Songs wusste und an keiner Stelle durch prätentiösen Wortgestus entgleiste. Ironisch reflektierte Meschik darauf seinen Platz im Kulturbetrieb durch wenig schmeichelhafte Definitionen seines angestammten Gewerbes in illiteraten Milieus (deren es auch in der Pop-Klientel nicht zu wenige gibt): "Mir schleichen eintausend Dinge durch den Kopf / wie es weitergeht / was aus mir werden soll: / Ein Wortklauber, ein Kommanazi, ich geh auf den Strichpunkt-Strich / ein Silbenzimmerer, Sätzedrechsler / Seitenwechsler, Missversteher / Cheerleader der Tschecheranten", sang er in "Donau so lau".

Die Donau ist auch auf der zweiten Moll-LP, "Sesseltanz", Thema: "Die Donau ist mein Meer", heißt es in "Durchzechte Wiener Nächte", einem stimmungsvollen Quasi-Kaputtnik-Song mit herrlich abseitigem Leidensmotiv: "Mein Fuß tut vom Dackelbiss weh."

Emotionale Fallhöhen

Meschik ist kein Songwriter, der sich - etwa als unbeugsamer Outlaw - in Heldenpose wirft. Im Gegenteil, eine gewisse Kläglichkeit ist seinen Szenarien auf vielerlei Weise latent immanent. In "Genierer" streift offen gezeigte Verehrung an Selbsterniedrigung an: "Ich hab keinen Genierer, ich bin nur wegen dir da / Shout it out loud und alle sollen’s hören / Ich hab dich so gern." Ehrensache, dass der Protagonist, den man sich leicht als eher unsportlichen Nerd vorstellen kann, kein Ass im Fußball ist. In "Hartes Pflaster Hernals" ist er zu einer Person geworden, "die ich nur mittel mag" und ständig zwischen Café Adabei und Café Defizit hin und her zieht.

Selbst eine vermeintliche Kampfansage wie "Bleib’n ma lieber Feinde" erhält durch den Zusatz "Lass ma uns in Ruh’, sind ma so gescheit" den Anruch eines schleimigen Kuhhandels. Solchem Elend steht aber stellenweise ein fast überhöhtes, mit eher limitierter Achtung vor Mitmenschen und Konkurrenten korrespondierendes Selbstbewusstsein gegenüber, das sich in der Überzeugung äußert, der beste Stand-up-Künstler in New York zu sein, oder es einem Mann unmöglich macht, seinen Nachfolger bei einer Frau zu akzeptieren, "weil er ein Trottel ist".

Gegenüber dem teils noch indifferenten, von den Smiths beeinflussten, dafür aber etwas Dynamik-schwachen Indie-Pop/Rock des ersten Albums sind auf "Sesseltanz" die Kontraste nun deutlich geschärft worden. Zum einen liegt das an Meschik selbst, der seiner, wie es bei "Musik" oft schien, bewusst expressionslos gehaltenen Chorknabenstimme nun doch emotionale Fallhöhen abringt und sich in "Fußball spielen" oder im Titelsong als passabler Crooner zeigt. Zum anderen bekam seine standardmäßig besetzte, recht formidable Band gewissermaßen Auslauf, was den Songs etwas Muskelkraft verleiht und dem ausgezeichneten Lead-Gitarristen Sebastian Kierner mehrmals erlaubt, prägnante Akzente zu setzen.

So klingt etwa "Hartes Pflaster Hernals" auf durchaus positive Weise an die frühen Dire Straits an, während "Durchzechte Wiener Nächte" im Sogwasser des Blues dahinstolpert. Und "Feinde", der potentielle Hit des Albums, führt stilvoll die Rocksau spazieren.