Derzeit mag es vielleicht auch am Wetter liegen. Wenn man bei Temperaturen um 0 Grad Celsius durch die Nacht reitet oder meinetwegen auch joggt oder spaziert und einem dabei der Wind in die Lider weht, sind feuchte Augen und Wangen im Grunde schon vorprogrammiert. Wobei man sich in Zeiten wie diesen natürlich niemals sicher sein kann, ob die Ursache dafür nicht doch ganz woanders liegt. Tränst du noch oder weinst du schon? Glücklicherweise wurden für Fragen wie diese irgendwann einmal schwarze Sonnenbrillen erfunden, mit denen man zumindest als so cool durchgeht, dass einem niemand mehr Gefühle zutraut. Blöde Sache hingegen für alle, die in Wahrheit etwas sensibel sind und gerade tatsächlich an einer Augenentzündung leiden.

Wunschloses Unglück

Apropos leiden. Die Sache mit den Augen dürfte nicht unbedingt besser werden, wenn man mit dem neuen Album von Mira Lu Kovacs und Clemens Wenger durch die Nacht reitet, joggt oder spaziert. Warum eigentlich durch die Nacht? Nun ja, als Guten-Morgen-Platte in dem Sinn eignet sich diese Musik eher nicht. Immerhin wird hier im Wesentlichen eingelöst, was der Titel "Sad Songs To Cry To" bereits auf dem Papier verspricht, auch wenn man am Ende gestärkt aus den knapp 39 Spielminuten herausgehen wird.

Leise flehen ihre Lieder: Den Anfang macht etwas, das recht klassizistisch nach einem alten Schubert-Lied klingt, bei dem man eigentlich jeden Moment den Einsatz von Dietrich Fischer-Dieskaus bedeutsamer Baritonstimme erwartet. Stattdessen stimmt Mira Lu Kovacs "Wenn ich mir was wünschen dürfte" von Friedrich Hollaender aus dem Jahr 1931 an, um ein altes Verlangen der Menschheit nach dem in diesem Fall gar nicht so wunschlosen Unglück zum Ausdruck zu bringen. "Wenn ich mir was wünschen dürfte / möcht’ ich etwas glücklich sein / Denn sobald ich gar zu glücklich wär’ / hätt’ ich Heimweh nach dem Traurigsein." Erstens muss man mit den Wünschen immer auch deshalb vorsichtig sein, weil sie am Ende in Erfüllung gehen könnten. Zweitens ist das Happiness Business der Glücksindustrie mit seinem Streben nach ganzheitlichem Wohlsein und ewigem Eierkuchen mit hoher Wahrscheinlichkeit ja der eigentliche Holzweg.

Mira Lu Kovas wurde ursprünglich mit ihrem Projekt Schmieds Puls im Trio bekannt. Nicht zuletzt weitere Zusammenschlüsse wie 5K HD mit den Kollegen von Kompost 3 oder My Ugly Clementine mit etwa Sophie Lindinger von Leyya sowie diverse Gastauftritte in Songs befreundeter Acts wie zuletzt auch bei Yasmo & die Klangkantine zementierten ihre Entwicklung zur zentralen weiblichen Integrationsfigur jenes Teils der heimischen Popszene, der mit Brückenschlägen in Richtung Jazz keine Probleme hat. Insofern passt auch die Zusammenarbeit mit Clemens Wenger gut ins Bild, den man als Mitglied der 5/8erl in Ehr’n ebenso kennt wie für seine Arbeit in der Jazzwerkstatt Wien.

Die zehn jetzt für "Sad Songs To Cry To" erarbeiteten Stücke - acht Coverversionen und zwei Originale - erwecken die Atmosphäre eines Salon- oder Schlafzimmerkonzerts, bei dem man sich zwar mitten im Geschehen wähnt. Zum Glück befindet man sich dann aber eh allein in der Wohnung, hat die Vorhänge längst zugezogen und schnieft zu den getragenen, meist auf Klavier und Gesang reduzierten Liedern unbeobachtet in den Kopfpolster hinein.

Mut zur Lücke

Nur manchmal, wie in der Eigenkomposition "That’s What Happiness Is" mit einem Text des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa oder vor allem der in Tropicalia-Nähe gebrachten Duke-Ellington-Interpretation "Solitude" im Sperrstundensound einer Cocktailbar weit nach Mitternacht, pluckert und tuckert ein Casio-Rhythmusautomat aus den 1970er Jahren seines Weges oder macht der Korg MS-20 die Arrangements etwas dichter.

Dafür nimmt Mira Lu Kovacs bei Kate Bushs Song "This Woman’s Work" von 1989 die Dramatik heraus und setzt bei "Bridge Over Troubled Water" zumindest zwischendurch auf Mut zur (harmonischen) Lücke. Mit Simon & Garfunkel wird schließlich auch das lichtere Finale eingeläutet, das dem auf ewig tröstlichen "Halt dich an deiner Liebe fest" von Ton Steine Scherben und dem zurück in die - danke, danke! - doch noch geöffnete Cocktailbar führenden "I’m Old Fashioned" aus 1942 überlassen ist.

Dass der Dialekttext des STS-Klassikers "Kalt und kälter" von Mira Lu Kovacs ins Bundesdeutsche übertragen wurde, macht uns hingegen tatsächlich traurig - was ja irgendwie auch gut zum Album passt. Allerdings reimt sich "klär’n" auf "rear’n" ganz einfach wirklich viel besser als "klären" auf "weinen". Wir weinen mit.