Angst vor der Gasabrechnung, Schrecken an der Supermarktkassa (fünf Euro für ein Päckchen Nüsse?), und dazu die dauernden Kriegsschlagzeilen aus der Ukraine: Es gibt genug Gründe, sich derzeit in den wärmenden Schoß einer schönen, alten Weihnachtszeit zurückzuwünschen. Einer Zeit, als die Einkäufe von Herr und Frau Österreicher noch verlässlich das Bruttosozialprodukt steigerten, ohne dass an einem Einkaufssamstag ein Streik gedroht hätte. Eine Zeit, als Schneefall, ein deftiges Festmahl und ein üppiger Lamettabehang noch nicht bedroht waren von Klimawandel, hohen Cholesterinwerten und Nachhaltigkeitsbedenken. Und: Eine Zeit, als man erst halb so groß war und deshalb unter dem Christbaum nur für die leuchtenden Kinderaugen zuständig.

Wie uns die Alten sungen

Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass heuer mehrere Weihnachtsalben in Nostalgie schwelgen. Besonders herzerwärmend ist dabei das Album von Diana Damrau: Die Deutsche mit dem wohlkonturierten, leuchtkräftigen Sopran tischt auf "My Christmas" (Erato) nicht nur generös auf, nämlich 35 Nummern mit einer Fülle an Mitstreitern (darunter die NDR Radiophilharmonie mit Dirigent Riccardo Minasi, das Vokalensemble des Senders und der Knabenchor Hannover).

Es gelingt zudem, diesem Album ohne Rückgriff auf Gemeinplätze Nostalgie einzuhauchen. Das liegt vor allem an den Raritäten, die hier neben Pflichttiteln wie "Stille Nacht" und barocken Festklängen zur Ehre gelangen: Damraus Sopran veredelt so manches Lied, das in den Weihnachtssendungen früherer Generationen seinen Patz hatte, das also gewissermaßen einst "die Alten sungen". In diese Kategorie fällt etwa das "Kalenderlied" über die Freuden der Adventzeit, die "Christrose" vom letzten Wiener Operettenbaron Robert Stolz oder auch das mit René Kollo verbundene "Weihnacht’ muss leise sein", eine Art Warnung vor der heutigen Hektomatikwelt, zwischen Schlager und schlichter Weise angesiedelt.

Ein Lob hier auch für die Arrangements: Richard Whilds hat die Lieder in bunte, doch nicht überbordende Klanggewänder gehüllt, er streut bisweilen hübsche Reharmonisierungen ein und lässt hier und da die zauberhafte Klangwelt von Engelbert Humperdinck aufblitzen (der hier ganz direkt mit seinem entzückenden Lied "Weihnachten" gewürdigt wird, zu hören auch schon auf dem exquisiten Vorjahresalbum "Licht der Welt" von Sopranistin Christiane Karg).

Aber wenden wir uns dem Jazz zu und einem Album aus dem Hause Universal. Dort gräbt man seit längerem gern swingende Schätze aus dem Archivkeller noch einmal aus - und so sind nun die Weihnachtsaufnahmen von Louis Armstrong, bisher als lose Singles veröffentlicht, erstmals in der kompakten Gestalt eines Albums erschienen ("Satchmo Wishes You A Cool Yule", Verve). Dargereicht in einem anheimelnd knisternden Klangbild, präsentiert sich der Jahrhunderttrompeter mit der Knautschstimme in reschem Bigbandswing ("Cool Yule"), in drahtigen Duetten ("I’ve Got My Love To Keep Me Warm" mit Ella Fitzgerald) und einem überraschend tiefenentspannten, fast balladesken "Winter Wonderland". Die Rosine in diesem Wiederveröffentlichungskuchen: Sechs bisher unveröffentlichte Minuten, in denen Armstrong das Gedicht "The Night Before Christmas" rezitiert: rührend. Fraglich nur, ob man diese Lesung nachträglich wirklich mit einem Stummfilm-artigen Klaviersolo ergänzen musste. Um an dieser Stelle noch einmal den wohl weltbesten Swingbeitrag zum Thema Weihnachten zu erwähnen: "Christmas With The Rat Pack" (Capitol).

Maschinenbeats statt Swing

Eine besonders wunderliche Erscheinung heuer: das erste Weihnachtsalbum von DJ Ötzi. Der Tiroler ist schließlich Spezialist für Hüttengaudi mit dröhnendem Drumcomputer und damit ein Überraschungsmann im besinnlichen Genre. Es darf entwarnt werden: Auf Ötzis "Weihnachts-Memories" (Electrola) kommt es nicht zum befürchteten Frontalzusammenstoß zwischen derben Bettelalmbeats und Brauchtumsmelodien. Andererseits: Ein Hochamt des Feinsinns stellen die 14 Songs natürlich auch nicht dar. Ist noch ganz erträglich, wenn der "Little Drummer Boy" mit halligen Trommeln und Chorgesängen auf Allerweltmusik getrimmt wird. Passabel auch, wenn sich die Gesangsstimme des behaubten Protagonisten (aufgemotzt mit einem leisen Chor, der ihm unauffällig auf der Melodielinie folgt) durch Traditionsgut wie "Leise rieselt der Schnee" laviert. Er hätte aber besser daran getan, die Finger vom "Winter Wonderland" zu lassen, statt den federnden Swingrhythmus durch ein maschinelles Bumm-Tschack zu ersetzen: Klingt dann eher seelenlos.

Das muss man leider auch über die Scheibe einer gewissen Boygroup sagen. So erstaunlich es ist, dass die Backstreet Boys immer noch Dienst tun, während ihre einst kreischende Klientel längst selbst Schreihälse daheim hütet: Ihr neuer Streich "A Very Backstreet Christmas" (K-Bahn) ist eher kein Weihnachtswunder geworden. Zwar fehlt es dem Album nicht an Schellenklängen, kuscheligen Promofotos oder erwartbaren Klassikern von "White" bis zu "Last Christmas". Ein digitaler Perfektionismus sorgt allerdings für einen aalglatten R’n’B-Sound und fünf Backstreet Boys, die wie Computerstimmen tönen und auf diesem Album in einer Sackgasse der Belanglosigkeit feststecken.

Ein Glück: Das kann man von Joss Stone nicht behaupten. Der englische Soulpopstar mit der Pfefferstimme bedient auf "Merry Christmas, Love" (S-Curve) naturgemäß auch Erwartungen in Gestalt von Evergreens wie "Hark! The Herald Angels Sing" oder dem ewig lockenden "Winter Wonderland" und setzt dabei auf Bigband-Verstärkung. Stone erschlägt ihr Publikum aber nicht mit Festtagsbombast, vermittelt eher die unbekümmerte Seite des Winterfreudenfests im Rahmen eines quirligen, flockigen Klangbilds. Und: Sie zollt mit ein wenig Augenzwinkern auch dem Wunsch nach Wärme in unwirtlichen Zeiten Tribut. Wie heißt es so schön in ihrem eigenen, folklorigen Song "Bring On Christmas Day" über den Umgang mit Kälte? "Hold up your warm glass - if you like, drink it too fast."