Als gelernter Österreicher kennt man Nina Hagen nicht zuletzt aus dem vorgeturnten Sexualkundeunterricht von seinerzeit im "Club 2", Stichwort Klitoris. In jüngster Zeit wiederum erinnerte ausgerechnet die offizielle Politik an höchster Stelle an das Werk der im Jahr 1955 in Ost-Berlin geborenen späteren "Godmother of Punk".

Immerhin ließ Angela Merkel beim Großen Zapfenstreich anlässlich ihres Abschieds aus dem deutschen Kanzleramt erst vor einem Jahr das Stabsmusikkorps der Bundeswehr nicht nur "Für mich soll’s rote Rosen regnen" von Hildegard Knef sowie das Kirchenlied "Großer Gott, wir loben dich" spielen. Mit "Du hast den Farbfilm vergessen" wurde auch Nina Hagens erster Hit als staatlich geprüfte Schlagersängerin aus Zeiten der DDR wieder ausgegraben. Junge Menschen konnten dabei lernen, dass es nicht immer normal war, ein Telefon mit dabei zu haben, das auch fotografieren kann, und mit, sagen wir, Instagram, Facebook, Tumblr, Snapchat oder Flickr diverse Plattformen, um diese Fotos auch sofort mit den eigenen Freunden zu teilen.

One love!

"Unity"-Albumcover.

"Unity"-Albumcover.

Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, aber früher einmal musste man echte Filme in tatsächliche Kameras einlegen und sich auf - Alter!! - je 36, 24 oder gar nur 12 Aufnahmen beschränken, anstatt pro Wochenendtrip gleich mindestens 500 Bilder zu knipsen, von denen 499 Selfies sind. Vor allem aber musste man seine Urlaubserinnerungen später auch noch von Dritten entwickeln lassen, was das Risiko mit sich brachte, dass schrullige Onkel in dubiosen Dunkelkammern mit Rotlicht und Stierblick etwa fremde Bikinifotos studierten. Igitt!

Schlappe elf Jahre nach ihrem bisher letzten Album "Volksbeat" hat Nina Hagen die unbezahlbare Werbeeinschaltung der nunmehr ehemaligen Kanzlerin jedenfalls für sich genutzt und für Herbert Grönemeyers Label Grönland Records endlich wieder neue Musik eingespielt. Neben Bob Geldof für die nette Countryfolkballade "It Doesn’t Matter Now" oder Liz Mitchell von Boney M und Lene Lovich, einer alten New-Wave-Schwester im Geiste, wurde dafür etwa auch der alte P-Funk-Begründer George Clinton mit an Bord geholt. Der gemeinsam geschriebene Titelsong "Unity" entstand unter dem Eindruck der #BlackLivesMatter-Proteste nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd und beschwört ewige Werte wie "positive vibrations" und eben "Unity" zu bassschwer-verschleppten und kosmisch verstrahlten Dub-Reggae-Sounds. One love!

Nina Hagen hat ihr Leben weiß Gott gelebt. Heute kündet sie mit ihrer quer durch das Album zwar immens variationsreichen, weitgehend aber 30 Fantastilliarden Zigaretten tiefen Stimme davon. Sie faucht, feixt, beißt und bellt also, dass es eine Art hat, und macht Songs wie die feministische Hymne "United Women Of The World", das unter Bluesvorzeichen über die Route 66 brausende "16 Tons", den Gummifunk von "Open My Heart (Dinner Time)" oder das quengelnde "Gib mir deine Liebe" allein schon in ihrer Leibrolle als Vokalakrobatin zum Ereignis. Mit ihrem an der deutschsprachigen Version von Marlene Dietrich orientierten Bob-Dylan-Cover "Die Antwort weiß ganz allein der Wind" beweist sie zwischendurch aber auch, dass sie für den klaren Vortrag noch keineswegs verloren ist. Geht doch!

UFO-Starts

Inhaltlich hat man es bei "Unity" neben den bereits erwähnten Themenbereichen ohnehin mit einem Heimspiel zu tun. Nina Hagen setzt mit "Atomwaffensperrvertrag" als außerparlamentarische Opposition zu einer Brandrede an, die den Kalten Krieg gleich mitauferstehen lässt, und imitiert mit zischelnder Outer-Space-Elektronik an diversen Stellen nicht von ungefähr UFO-Starts und -Landungen. Die Wahrheit ist
irgendwo da draußen - frau ist bekanntlich seit jeher auch extraterrestrisch interessiert.

Himmelwärts geht es gleich zum Auftakt mit "Shadrack" von Robert Hunter MacGimsey aus den 1930er Jahren aber auch mit der vertonten Bibelgeschichte vom drohenden babylonischen Flammentod aus dem Buch Daniel oder später mit dem Sheryl-Crow-Cover "Redemption Day" ("There’s a train / That’s heading straight / To Heaven’s Gate"). Das latent durchgeknallte, aber gelungene neue Album kündet nicht zuletzt also wieder von einem: Bei Nina Hagen haben wir es längst auch mit der gottgläubigsten Krawallnudel der Punk- und New-Wave-Geschichte zu tun.