Die Erwartungen waren hoch: Bei einer Show mit dem Titel "Kelly Family Mega Christmas" darf man sich schon mal auf Superlative einstellen. Ebenso war die Vorfreude groß: Als ehemaliger Super-Fan der Kelly Family versprach der Konzertabend die Erfüllung eines lange vergessenen Kindheitstraums für die Autorin dieser Zeilen. Das nur als Disclaimer.

Die Nostalgie ließ auch nicht lange auf sich warten. Die Kelly Family betrat in ihrer derzeitigen Formation die Bühne: Bis auf die bekanntesten Mitglieder Maite, Angelo und Patrick Kelly waren eh alle da. Die übrigen Geschwister waren dafür mit umso mehr Sangeskraft vertreten. Weil singen, das können sie alle. Spätestens beim fünften Stück, solo gesungen von Kathy Kelly, wird man sich der nach wie vor starken Stimmen der Kellys gewahr, die sie sich über Jahrzehnte erhalten haben. Das musikalische Menü mäandert zwischen den bekannten kellyesken, irisch-folklorischen Softrocksongs der 90er, den glatten Popsongs der späteren Phasen und den unvermeidlichen Weihnachtsliedern umher. Von diesen wurden selbstverständlich Eigenkompositionen wie "One More Happy Christmas" und "Christmas In Our Hearts" zum Besten gegeben. Zum Mitklatschen, -singen und -schunkeln eigneten sich außerdem besonders Klassiker wie "White Christmas" und "Santa Claus Is Coming To Town", die, wie es sich halt so anbietet, ganz klischeehaft als Medleys vorgetragen wurden.

Und jetzt alle!

Die Partizipation des Publikums gipfelte in einem dramaturgischen Highlight und dem gleichzeitigen - den mäßigen Sangeskünsten des Publikums geschuldeten - musikalischen Tiefpunkt des Abends: In einer wohl als "Christmas-Karaoke mit den Kellys" zu bezeichnenden Einlage sangen alle gemeinsam "Alle Jahre wieder" und "Leise rieselt der Schnee" - Teleprompter für nicht so Textsichere und Fremdschämen für Notensichere inklusive.

Weihnachten als Familienfest - wer kann das authentischer rüberbringen als die Kelly Family. Die Interaktion mit dem Publikum wirkte durchwegs sympathisch und ehrlich gemeint und auch die sehr fähige Band und Crew-Mitglieder wurden immer wieder honoriert und mit ins Familienboot geholt. Die Kellys sind schon wirklich liebe Menschen und das schien durch, trotz der für eine Show notwendigen Inszenierung. Der zwischenmenschliche Zusammenhalt erreichte seinen Höhepunkt bei der unausweichlichen Schunkelsession. In prä-pandemischer Kelly-Manier reichten sich zu "Stille Nacht" alle, auch Wildfremde, die Hände und ergingen sich in weihnachtlicher Wonne.

Die Uralt-Hits "Angel", "Fell In Love With An Alien" und "Who‘ll Come With Me" entzückten die eingeschworenen Kelly-Anhänger der ersten Stunde, zu denen sich auch hartgesottene Ex-Fans (genau, die Autorin dieser Zeilen) spätestens zu diesem Zeitpunkt wieder zählten. Herausragend war Jimmy Kelly, der mit seinem Tribut an die 2021 verstorbene Schwester Barby für berührende Ernsthaftigkeit in der allgemeinen Euphorie sorgte. Das Publikum ließ seine Feierlaune davon freilich nur kurz dämpfen. Sogleich verzauberte Patricia mit ihrer sehr hellen, zarten Stimme und Kathy brachte die Stadthalle mit ihren Soul-Sister-Songs zum Beben.

Die Kinder, die zum Schluss aus dem Auditorium auf die Bühne geholt wurden, taten ihr Übriges zur kollektiven Rührseligkeit. Da machte es auch nichts, dass Joe Kelly, der obskure Rebell der Familie, ganz antithetisch "No More Christmas" ins Publikum raunte. Die erfolgreich beschworene Lust auf Weihnachten wurde dadurch ganz sicher nicht verdorben.