Das Musikjahr 2022 brachte ein gutes Stück "Normalität" zurück, sorgte dabei aber auch für Ernüchterung. Eine Rückschau des "music"-Teams der "Wiener Zeitung" in den Bereichen Pop, Rock und Jazz - inklusive Wahl der Alben des Jahres. Die Gesamtwertung ergab sich auch heuer aus den individuellen Bestenlisten aller Mitarbeiter.

Gesamtwertung Pop & Rock 2022

Alben international

1. Big Thief: Dragon New Warm Mountain I Believe In You (US)
1. Mitski: Laurel Hell (US)
3. Black Country, New Road: Ants From Up There (GB)
4. Arctic Monkeys: The Car (GB)
5. Dry Cleaning: Stumpwork (GB)
6. Panda Bear & Sonic Boom: Reset (US/GB)
7. alt-J: The Dream (GB)
8. Cass McCombs: Heartmind (US)
9. Built To Spill: When The Wind Forgets Your Name (US)
10: The Jazz Butcher: The Highest In The Land (GB)

Alben national

1. Pauls Jets: Jazzfest
2. Der Nino aus Wien: Eis Zeit
3. Franz Fuexe: Franz Fuexe

Andreas Rauschal

Es war das Jahr von Harry Styles, Taylor Swift und Rosalía, in dem über "kulturelle Aneignung" durch Dreadlocks und Konzertabsagen aufgrund von dadurch verursachtem "Unwohlsein" zu diskutieren war - während nach einem erwartungsgemäß überbuchten Sommer mit zumindest postpandemischem Anschein im Herbst der Kater folgte. Publikumsschwund bei Klein- und Kleinstevents sowie Tourabsagen aufgrund mangelnder Planungssicherheit bei stark steigenden Fixkosten werden uns wohl auch im Jahr 2023 beschäftigen - wenn wir dann noch dabei sind.

Apropos: Die Musikwelt trauerte um Meat Loaf, Jerry Lee Lewis, Vangelis, Loretta Lynn, Betty Davis, Mark Lanegan, Andy Fletcher, Mimi Parker, Taylor Hawkins, Klaus Schulze, Lamont Dozier, Christine McVie, Angelo Badalamenti und Willi Resetarits. Neben tollen neuen Alben aus Österreich von Pauls Jets, Voodoo Jürgens oder Sophia Blenda erwies sich der 2022er-Jahrgang international hingegen als durchwachsen. Mit den gelungenen Comebackalben von Soft Cell und Tears For Fears kam auch die Angst vor der atomaren Bedrohung aus den 1980er Jahren wieder zurück. Dazu passend das unbehaglich nahe am Zeitgeschehen stehende Album "Nie wieder Krieg" von Tocotronic, veröffentlicht noch vor dem Einmarsch Russlands in der Ukraine.

Absurd: 50 Cent in der Stadthalle. Überschätzt (wie immer): Beyoncé. Ogottogott: Muse. Begrüßenswert: Die neue oberösterreichische Landeshymne "VÖEST" von Austrofred und Kurt Razelli. Toll, aber versäumt: Circuit Des Yeux im Volkstheater. Spitze: Der Dokumentarfilm "Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song" im Kino, The Cure in Sankt Marx sowie die überzeugenden Einstürzenden Neubauten und ein ambivalenter Beck, beide am Open-Air-Areal der Wiener Arena.

International  

1. Pauls Jets: Jazzfest (A) 
2. Black Country, New Road: Ants From Up There (GB)
3. Lee Fields: Sentimental Fool (US) 
4. Voodoo Jürgens: Wie die Nocht noch jung wor (A) 
5. Sophia Blenda: Die neue Heiterkeit (A) 
6. Panda Bear & Sonic Boom: Reset (US/GB) 
7. Dry Cleaning: Stumpwork (GB) 
8. Black Midi: Hellfire (GB) 
9. Spiritualized: Everything Was Beautiful (GB) 
10. Jochen Distelmeyer: Gefühlte Wahrheiten (D) 

National 

1. Pauls Jets: Jazzfest 
2. Voodoo Jürgens: Wie die Nocht noch jung wor 
3. Sophia Blenda: Die neue Heiterkeit
3. Franz Fuexe: Franz Fuexe

Pauls Jets 
- © Louise Lotzing

Pauls Jets

- © Louise Lotzing

 

Gerald Schmickl

Eigentlich hatten wir uns das ja so vorgestellt: Eines Tages ist die Pandemie vorbei - und daraufhin bricht eine weltweite Euphorie aus und sorgt für kontinuierliche Partystimmung und ein andauerndes Fest des Lebens. Heute wissen wir: Es hört nie auf, wir stolpern von halbpandemischen in endemische und Alles-irgendwie-scheiß-egal-Zeiten mit anhaltend alarmistischer Stimmung und schlechter Laune.

Das hat auch Auswirkungen auf den globalen Musik- und vor allem Konzertmarkt, der völlig aus dem Ruder läuft. Einerseits heillose Überbuchungen (in Wien waren heuer an einem Abend vier Topacts parallel angesetzt), andererseits viele spontane Absagen und ein allmählicher Zusammenbruch des Toursystems. Animal Collective, Arlo Parks, Tocotronic und viele andere Bands und Interpreten haben ihre Tourneen heuer abgesagt oder abgebrochen, und die US-Sängerin Santigold hat (nach einem feinen neuen Album) kürzlich im Magazin "Rolling Stone" klare Worte für den Niedergang des Business gefunden: "Das Tempo ist nicht durchhaltbar, und es ist sehr ungesund." Dazu der Druck in Social-Media-Zeiten, ständig präsent zu sein. Umso erstaunlicher, dass trotz alledem viele Musiker, vor allem Musikerinnen großartige Alben vorgelegt haben, wie etwa Mitski, Nilüfer Yanya, Taylor Swift, Cat Power, Weyes Blood oder Sophia Blenda und die unermüdliche Mira Lu Kovacs aus heimatlichen Gefilden.

Großartigster Moment: Otto Lechner spielt in Krems (fast) alleine "Dark Side Of The Moon". Traurigster Moment: Der Tod von Willi Resetarits (und auch jener von Low-Sängerin Mimi Parker).

International

1. Mitski: Laurel Hell (US)
2. Nilüfer Yanya: Painless (GB)
3. Yes We Mystic: Trust We Fall (CAN)
4. Weyes Blood: And In The Darkness, Hearts Aglow (US)
5. Black Country, New Road: Ants From Up There (GB)
6. Arctic Monkeys: The Car (GB)
7. Harry Styles: Harry’s House (GB)
8. Cat Power: Covers (US)
9. Spiritualized: Everything Was Beautiful (GB)
10. alt-J: The Dream (GB)

National

1. Pauls Jets: Jazzfest
2. Oehl: Keine Blumen
3. Werckmeister: Kairos
3. Familie Lässig: Eine heile Welt

Bruno Jaschke

2022 war ein Jahr zum Durchschnaufen: Die großen Sensationen bleiben aus, die Hypes von morgen verharrten in ihren Nischen. Grosso modo dominieren meine persönliche Best-of-Liste bewährte Singer-Songwriter von Father John Misty bis Cass McCombs - allerdings ist dieses Gewerbe mittlerweile so versatil, dass es praktisch das gesamte Spektrum des Melodie-Pop abbildet. Und da war im ablaufenden Jahr der substanzielle Ausstoß immerhin so dicht, dass es eine Angel Olsen (trotz interessanter musikalischer und persönlicher Neuorientierung) gar nicht unter meine Top 10 schaffte. Frauen-Power ist - mit Mitski, Aldous Harding oder Regina Spektor - aber selbstverständlich trotzdem angesagt.

Ein paar Worte noch zu jenen, die auch einen Platz in meinem Ranking verdient gehabt hätten: Der Kalifornier Bart Davenport zeigt sich in "Episodes" als ähnlich versierter Geschichtenerzähler wie Simon Love. Der aus Bristol stammende, aber mit "South London" assoziierte Sänger und Rapper Wu-Lu machte mit einer wilden Mischung aus Knatter-Beats, Hip-Hop-Grooves, Rock-Dissonanzen u.v.m. eine der wenigen herausfordernden Platten ("Loggerhead").

Herausfordernd waren - für die Akteure, aber auch Teile der Hörerschaft - die Schubert-Adaptionen von Naked-Lunch-Sänger Oliver Welter und der vielseitigen Pianistin Clara Frühstück. Auch Gerald Votava arbeitete sich an einem großen Projekt ab, indem er düstere Texte der Autorin Christine Nöstlinger stimmig interpretierte ("A schenes Lem!"). Mit der "Supergroup" Familie Lässig ließ Votava dagegen ein bisserl die Sonne lachen.

International

1. Mitski: Laurel Hell (US)
2. Father John Misty: Chloë And The Next 20th Century (US)
3. Aldous Harding: Warm Chris (NZ)
4. Jens Friebe: Wir sind schön (D)
5. Regina Spektor: Home, Before And After (US)
6. The Düsseldorf Düsterboys: Duo Duo (D)
7. The Jazz Butcher: The Highest In The Land (GB)
8. Simon Love: Love, Sex and Death etc. (GB)
9. Sasami: Squeeze (US)
10. Cass McCombs: Heartmind (US)

National

1. Vienna Rest In Peace: Album für die Jugend
2. Oliver Welter & Clara Frühstück: Winterreise
3. Pressyes: Breeze In Breeze Out
3. Tini Trampler & Playbackdolls: Chansons 2084

Mitski 
- © Ebru Yildiz

Mitski

- © Ebru Yildiz

Heimo Mürzl

Das Pop- und Rockjahr 2022 stand im Zeichen des Wandels. Die Prämisse, Neuveröffentlichungen müssten unbedingt innovativ und subversiv sein, erwies sich als überholt. Die bemerkenswertesten Produktionen punkteten mit ausdrucksstarker Stilsicherheit, geschmackvoller Zeitlosigkeit, subtiler Gesellschaftskritik und unaufgeregter Relevanz. Der Wunsch nach Wandel klang gelassener, aber deshalb nicht weniger dringlich. Mein (Doppel-)Album des Jahres, "Dragon New Warm Mountain I Believe In You" der amerikanischen Indie-Folkrock-Band Big Thief, überzeugte mit klugem Gespür für sozialen und kulturellen Wandel, musikalischer Virtuosität und ausdrucksstarken Songs, die zugleich Trost spenden und Halt geben.

Obwohl bei Big Thief mit Adrianne Lenker eine Frau im Zentrum steht, war 2022 auch das Jahr der Männer: Jeb Loy Nichols, Pat Fish aka The Jazz Butcher (dessen Album posthum veröffentlicht wurde), Elvis Costello, Neil Young, Pete Astor, Jochen Distelmeyer und Cass McCombs veröffentlichten durchwegs großartige Alben. Das Indierock-Universum erstrahlte in unterschiedlichsten Klangfarben und hatte in King Hannah, Wayne Graham, Porridge Radio, Ghost Woman und Built To Spill ausgezeichnete Repräsentanten. Das Konzertjahr glich einem nicht immer gelungenen Balanceakt zwischen (zu) vielen pandemiebedingten Nachholkonzerten und nicht wenigen kartenverkaufsbedingten Konzertabsagen. Jochen Distelmeyer, The Magnetic Fields und die Tindersticks hinterließen dafür einen besonders nachhaltigen Eindruck.

International

1. Big Thief: Dragon New Warm Mountain I Believe In You (US)
2. Jeb Loy Nichols: United States Of The Broken Hearted (US)
3. Cass McCombs: Heartmind (US)
4. King Hannah: I’m Not Sorry, I Was Just Being Me (GB)
5. Built To Spill: When The Wind Forgets Your Name (US)
6. Stella Sommer: Silence Wore A Silver Coat (D)
7. The Jazz Butcher: The Highest In The Land (GB)
8. Pete Doherty & Frédéric Lo: The Fantasy Life Of Poetry & Crimes (GB/FRA)
9. Elvis Costello & The Imposters: The Boy Named If (GB)
10. Jochen Distelmeyer: Gefühlte Wahrheiten (D)

National

1. Der Nino aus Wien: Eis Zeit
2. Vague: Out Soon
3. Franz Fuexe: Franz Fuexe

Big Thief 
- © Josh Goleman

Big Thief

- © Josh Goleman

Uwe Schütte

Auch das heurige Popjahr erscheint mir im Rückblick als bescheiden, wobei immer deutlicher hervortritt, dass wohl weniger das künstlerische Versagen der Musiker dafür verantwortlich ist als vielmehr das unbarmherzige Voranschreiten der Zeit, das die Platten der Jugend in hellerem Lichte erscheinen lässt. Zumal, wenn dann noch ein Konzert von Bauhaus hinzukommt, in dem die Fürsten der Finsternis präzise Darbietungen ihrer um keinen Deut in die Jahre gekommenen Songs gaben. Dafür haben sich 25 Jahre Wartezeit gelohnt.

Wie andererseits das grauenhafte Konzert ihrer Gruftie-Kumpanen The Cure in Berlin schmerzhaft demonstrierte, war es richtig, Robert Smith die letzten 30 Jahre ignoriert zu haben, denn die erbärmliche Show demontierte den Heldenstatus, den er in jungen Jahren für mich besaß, gründlich. Ähnlich enttäuschend waren, aus unterschiedlichen Gründen, die Auftritte von Genesis, Patti Smith, Kraftwerk und Stereolab - der Zahn der Zeit nagt eben unbarmherzig am Allermeisten.

Doch nicht alles gab Anlass zu Altherrenklagen: Bei Billie Eilish zwischen nonstop kreischenden Teenies am Rande des Nervenzusammenbruchs zu stehen war eine veritable Verjüngungskur, zumal Musik und Show dazu passten; ähnlich umwerfend war die erste Live-Begegnung mit Kendrick Lamar. Mein Highlight des Jahres? Ganz klar der zum Niederknien grandiose Auftritt von Courtney Barnett.

International

1. Big Thief: Dragon New Warm Mountain I Believe In You (US)
2. The Weather Station: How Is It That I Should Look At The Stars (CAN)
3. alt-J: The Dream (GB)
4. Arctic Monkeys: The Car (GB)
5. Sharon Van Etten: We’ve Been Going About This All Wrong (US)
6. Dry Cleaning: Stumpwork (GB)
7. Panda Bear & Sonic Boom: Reset (US/GB)
8. Hot Chip: Freakout/Release (GB)
9. Built To Spill: When The Wind Forgets Your Name (US)
10. Damien Jurado: Reggae Film Star (US)

National

1. Wanda: Wanda
2. Der Nino aus Wien: Eis Zeit
3. Bilderbuch: Gelb ist das Feld

Wanda 
- © Tim Bruening

Wanda

- © Tim Bruening

Christoph Irrgeher (Jazz)

Wer seiner Freude über das Tauwetter im Kulturleben und der sinkenden Corona-Zahlen bildungsbürgerlichen Ausdruck verleihen wollte, konnte heuer ein altes Goethe-Zitat anstimmen: "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche!" Ein Glück: Die "neue Normalität" hatte sich weitgehend zugunsten der alten verzogen, auch in der Jazzwelt. Das Leuchtturmfestival von Montreux entfachte, nach einem Jahr 2021 auf Sparflamme, wieder seinen alten Glamour mit Pop- und Jazzstars; der Konzertreigen in Saalfelden sicherte sich mit Künstlern wie Vijay Iyer erneut das Attribut "künstlerisch wertvoll" und mit einem Auftritt von Pussy Riot die Putin-Hater der Stunde. Kurios allein das Jazz Fest Wien: Das verlängerte seine bereits zweijährige Sendepause mit einer dritten Total-Absage - angeblich wegen der "Nachwirkungen der Pandemie". Im Porgy & Bess sorgte das für demonstratives Kopfschütteln, werkten dort doch zugleich Größen wie Dave Holland und Joe Lovano.

Das Jahr sah aber nicht nur ergrauende Jazzgranden und, leider, einige prominente Todesfälle (darunter Pharoah Sanders, Rolf Kühn und Barbara Thompson), sondern auch jugendfrische Erfolge aus Frauenhand - etwa das Debütalbum von Lady Blackbird, der US-Sängerin mit den Anklängen an die soulige, zugleich verletzliche Kraftkehle von Nina Simone, und das fulminante neue Werk von Jazz-Sängerin Cécile McLorin Salvant - eine Klang gewordene Wunderkammer der Vielfalt.

International

Cécile McLorin Salvant 
- © Shawn Michael Jones

Cécile McLorin Salvant

- © Shawn Michael Jones

1. Cécile McLorin Salvant: Ghost Song (US)
2. Tigran Hamasyan: StandArt (AR)
3. Michael Wollny Trio: Ghosts (D)
4. Joshua Redman, Brad Mehldau, Christian McBride, Brian Blade: LongGone (US)
5. Charles Lloyd Trios: Chapel (US)
6. Camille Bertault & David Helbock: Playground (A/F) 7. Gina Schwarz & Multiphonics
8: Way To Blue (A)
8. Jacob Bro & Joe Lovano: Once Around the Room – A Tribute to Paul Motian (ECM)
9. Vein: Our Roots (CH) 10. Constantin Krahmer: Close Up (D)

National

1. Camille Bertault & David Helbock: Playground
2. Gina Schwarz & Multiphonics 8: Way To Blue
3. Tree: Y