Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind verlässlich auf die Erde nieder. Sehr wahrscheinlich ab irgendwann im November springt auch "Last Christmas" von Wham! aus dem Hinterhalt, um entweder als innerer Ohrwurm oder durch äußere Dauerbeschallung so lange präsent zu bleiben, bis im Supermarkt die Weihnachtsnikolos wieder gegen die Schokoosterhasen ausgetauscht werden.

Dieser Zeitpunkt liegt erfahrungsgemäß im Jänner und bereitet zumindest der Dauerbeschallung ein Ende. Ob es im Supermarkt auch ein Entohrwurmungsmittel gibt, das lästigen Liedern, die man auch ohne direkte Schallquelle nicht mehr aus dem Gedächtnis bekommt, den Garaus macht?

"Whamageddon"

Man kann nicht behaupten, dass alle Menschen "Last Christmas" von Wham! hassen würden. Manche Menschen hassen "Last Christmas" von Wham! sogar sehr. Immerhin dürfte es einen Grund dafür geben, warum vor zwölf Jahren ein Survival-Game namens "Whamageddon" entstand, bei dem es darum geht, den Kontakt mit "Last Christmas" zwischen 1. und 24. Dezember konsequent zu vermeiden. Klappt das nicht, ist man ausgeschieden. Blöde Sache: Es handelt sich bei "Whamageddon" also um ein Spiel, das man gar nicht gewinnen kann - es sei denn, man lebt seit dem Vietnamkrieg fahnenflüchtig im Mekongdelta, hinter dem Mond oder in Sankt Pölten, ohne dort jemals einkaufen zu gehen oder den örtlichen Christkindlmarkt aufzusuchen.

- © Sony Music
© Sony Music

"Last Christmas" wurde vor mittlerweile 38 Jahren geschrieben. Obwohl der Song bekanntlich dem 1981 gegründeten britischen Duo Wham! um George Michael und Andrew Ridgeley zugeordnet wird, handelt es sich dabei im Wesentlichen bereits um einen Alleingang George Michaels auf dem Sprung in Richtung Solokarriere.

Im Alter von 21 Jahren in seinem ehemaligen Kinderzimmer verfasst und im August 1984 in den zwecks (Ein-)Stimmung weihnachtlich dekorierten Advision Studios in London mit einem Drumcomputer aus dem Hause LinnDrum, einem Juno-60-Synthesizer von Roland sowie unter Beigabe von Schlittenglocken selbst eingespielt und produziert, hat im Rückblick aber auch der Multimillionär und Tantiemenkaiser Andrew Ridgeley leicht lachen. Selten wurde mit weniger Arbeit mehr Geld verdient. Wobei es sich bei "Last Christmas" ursprünglich um eine Doppel-A-Seite mit "Everything She Wants" handelte, in dessen Credits Ridgeley zumindest als Co-Autor aufscheint.

Luxusproblem Nummer eins

Wie fast alle großen Popsongs und so gut wie kein zweites Weihnachtslied handelt das zu reduzierten Arrangements angenehm im Midtempo erklingelingende "Last Christmas" natürlich nicht von Santa Claus, einem entsprungenen Ros, davon, dass es gleich dumpa und still wird (oder wenigstens leise rieselt), sondern von der Liebe im Allgemeinen und dem Herzschmerz im Speziellen. "Last Christmas, I gave you my heart / But the very next day, you gave it away / This year, to save me from tears / I’ll give it to someone special." So einfach, so wirkungsvoll: Während "Last Christmas" in Deutschland heute als erfolgreichster Weihnachtssong aller Zeiten gilt und bis zum Vorjahr sage und schreibe 153 Wochen in den Single-Charts verbrachte, stellte sich für George Michael daheim in England zunächst aber ein Luxusproblem.

Dort schaffte er es mit "Last Christmas" vorerst nur deshalb nicht auf Platz eins, weil dieser mit "Do They Know It’s Christmas?" von Band Aid bereits an einen anderen Song unter seiner Beteiligung vergeben war. Womöglich gab es im Weiteren aber auch noch andere Gründe. Immerhin stand "Last Christmas" erst am 1. Jänner 2021 und somit vier Jahre nach George Michaels tragischem Tod ausgerechnet zu Weihnachten 2016 (am 25. Dezember) erstmals auch in Großbritannien an der Chartsspitze.

Schaumweine und Schnee

Natürlich kommt man an "Last Christmas" aber nicht vorbei, ohne kurz auch über das dazugehörige Musikvideo gesprochen zu haben. Der im Jahr 2019 in 4K Ultra HD generalüberholte Originalclip unter Regie von Andy Morahan erklärt heute zwar nicht mehr im Musikfernsehen, dafür aber bei glühweinseligen Privatfeiern via YouTube recht anschaulich, dass früher nicht nur mehr Lametta war. Neben Lawinen an Haarspray gab es damals auch noch richtig viel Schnee und tatsächliche Winter. Junge britische Freunde mit oder ohne Benefits konnten in ihren Schweizer Luxus-Chalets abgesehen von den amourösen Turbulenzen also noch recht frei und heiter im Schnee herumtollen und sich anschließend vor dem Kamin sowie mit erlesenen Schaumweinen auch von innen heraus wieder wärmen.

Heuer erinnern wir uns zu Weihnachten bei gepflegten und vom einstigen Haarspray-Abusus wahrscheinlich mitermöglichten 12 Grad Celsius an diese verrückten alten Zeiten. Zu den Temperaturen passen ab übernächster Woche dann auch die Schokoosterhasen wieder perfekt.