Kurz vor dem Jahreswechsel musste man bei einem schnellen Blick ins Internet wieder einmal laut lachen. Das auf einem Meme ausgerechnet mit einem Foto von Iggy Pop unterlegte Zitat ",2022 has been rough on all of us‘ - Jennifer Aniston" war schuld daran. Dabei könnte man sich dem Verfall und der Endlichkeit auch ernsthafter nähern.

Iggy Pop etwa hat dem nahenden Licht vor dem ewigen Dunkel zuletzt mit seiner Interpretation von Leonard Cohens Song "You Want It Darker" entgegengeblickt. Und mit dem im Jahr 2019 erschienenen, meditativ-sphärisch angelegten und von Jazz-Einsprengseln durchzogenen "Free" in Zusammenarbeit etwa mit dem US-Trompeter Leron Thomas ging der heute 75-Jährige auch auf seinem bisher letzten Studioalbum den Themen Abschied und Tod durchaus nicht aus dem Weg.

Kein Rotweinjazz

Glücklicherweise konnte man sich zum Abschluss seiner Europatournee erst vor vier Monaten im Wiener Konzerthaus davon überzeugen, dass Iggy Pop - abgesehen von Hüftproblemen - noch immer mehr als agil ist und als Performer weiterhin Grenzen sprengt. Für heuer im Sommer wird übrigens wieder die ganz große Bühne anvisiert: Am 14. Juli kann man den alten Proto-Punk aus Zeiten der Stooges neben der erheblich (dienst-)jüngeren US-Musikerin King Princess (Jahrgang 1998!) als Support-Act der Red Hot Chili Peppers im Wiener Ernst-Happel-Stadion erleben. Im Gegensatz zu Iggy Pop selbst hat die Band um Sänger Anthony Kiedis zumindest kommerziell bekanntlich alles richtig gemacht.

Vermutlich um das neue, wenn auch mit zahlreichen Klassikern abermals historisch unterfütterte Live-Programm zumindest um zwei, drei aktuelle Songs erweitern zu können, hat Iggy Pop jetzt jedenfalls ein Album eingespielt, in dessen Zentrum nicht wie etwa auf "Préliminaires" von 2009 oder dem 2012 veröffentlichten "Après" im Stile handelsüblicher Spät- und Alterswerke gediegene Rotweinabendmusik unter Chanson- und Jazz-Vorzeichen steht.

"Every Loser"-Albumcover.

"Every Loser"-Albumcover.

Für sein am Freitag erscheinendes 19. Soloalbum "Every Loser" (Gold Tooth/Warner Music) wird unter kräftiger Mithilfe bereits musikalische Härte verheißender Namen wie dem mittlerweile verstorbenen Foo-Fighters-Schlagzeuger Taylor Hawkins, Duff McKagan von Guns N’ Roses am Bass sowie dem Gitarristen Dave Navarro nicht zuletzt auf hingerotzte Dreieinhalbakkord-Punkbretter und niedere Instinkte beweisenden Schweinerock gesetzt, der auch tatsächlich viel besser in ein Fußballstadion passt. Nicht von ungefähr hat uns Iggy Pop erst dieser Tage wissen lassen, dass er einst in unbestimmter Zeit als möglicher neuer Sänger von AC/DC umworben wurde. Der Mann lässt sich das Rocken also auch als rüstiger Rentner nicht verbieten - und keift und keppelt sich über weite Strecken durch das Album, dass einem dazu auch eines einfällt: Mitunter gehören renitent bis grantig gestimmte Senioren ja zu den nachdrücklichsten Rohrspatzen, denen man im Alltag begegnen kann.

Iggy Pop eröffnet das Album im Rahmen der Vorabsingle "Frenzy" als schlecht gelaunter Punk-Opa also mit der besonders höflichen Zeile "Got a dick and two balls, that’s more than you all" und steigert sich in die besungene Raserei, die auch widerständige weitere Songs wie "The Regency" unter sehr häufigem sehr lautstarkem Rückgriff auf das sogenannte F-Wort dominiert - und bei gewitzten Schelmenstücken wie "Neo Punk" zumindest ironisch gebrochen wird: "Old ladies cum when I flash my junk / I’m a hunky Gucci model Neo Punk!"

Kurzbesuch bei C.G. Jung

Unter Produktion von Andrew Watt und mit Chili-Pepper Chad Smith und dessen Ex-Kollegen Josh Klinghoffer im Kernteam hört man aber auch nachdenklichere Stücke über das Durchhalten und Weitermachen als alternder Arbeitnehmer im Entertainmentbereich ("Morning Show") sowie mit "New Atlantis" Iggy Pops politisch selbstverständlich nicht korrektes Liebesbekenntnis an seine vom Klimawandel bedrohte Wahlheimat Miami - Stichwort steigender Meeresspiegel: "Somewhere south of Alabama, and north of Cuba / There lies a beautiful whore of a city ..." Aber auch das System Hollywood, traurige Postings in trostlosen Onlineforen, ein Junky-Johnny auf dem Weg nach ganz unten sowie ein kurzer Besuch in der Seelenlandschaft nach C.G. Jung ("My Animus Interlude") kommen vor.

Die Gitarren kreischen und schwurbeln, käsige Keyboardmelodien bahnen sich ihren Weg, zwischendurch wendet sich Iggy Pop auch mit stoischer Sprechstimme und grabestiefem Grummelbariton an uns: In seinem Gesamtwerk mögen sich deutlich bessere und deutlich schlechtere Alben befinden, den Satz "My mind is on fire when I oughta retire" kaufen wir unserem liebsten Punk-Veteranen aber auch heute noch ab.