Falls an dem Sprichwort was dran ist, dass man irgendwann im Leben - die Alterssetzung unterliegt mehr oder weniger persönlicher Willkür - für sein Gesicht verantwortlich ist, dann schneiden nicht viele Pop-Künstler gut ab. John Cale oder Paul Weller sind solche eher seltenen Fälle.

Während Popstars im Regelfall genauso verblühen wie du und ich und allenfalls das Verwittern selbst als interessant ausstellen können wie die Rolling Stones oder sowieso schon seit jeher alt aussahen wie Elton John oder Phil Collins, sehen Cale und Weller gerade auf ihre alten Tage interessant - glatt möchte man finden: besser denn je - aus. Beide mit kantigem Kopf, Charaktergesicht und prägnanter Frisur, der das Friedhofsblond bestens ansteht, verkörpern sie gleichermaßen Autorität wie das Versprechen ewiger Vitalität und optischer Attraktivität.

Jahrhundertwerke

John Cale, der im März 81 wird, ist allerdings noch einmal 16 Jahre älter als Weller und hat die noch glorreichere Vita. Immerhin war der Waliser, der in den frühen 1960er Jahren mit einem Leonard-Bernstein-Stipendium nach New York gekommen war, prägendes Mitglied einer der einflussreichsten Rock-Bands aller Zeiten: Als Bratschist, Keyboarder und Bassist von Velvet Underground war Cale der erste Rockmusiker mit Wurzeln in der sogenannten E-Musik.

Als solcher verkörperte er, zum ausgeprägten Missfallen des Sängers, Songschreibers und Gitarristen Lou Reed, die musikalische Avantgarde der Band, bei der die Schere zwischen historischer künstlerischer Bedeutung und wirtschaftlichem Stellenwert so weit auseinanderklaffte wie bei keiner anderen. Nach seinem von Reed erwirkten Rausschmiss bei den Velvets hat Cale unter eigener Flagge als Jahrhundertwerke geltende Platten wie das euro-romantische Kammermusikalbum "Paris 1919" und das düstere, wesentlich herausforderndere "Music For A New Society" gemacht, er hat u. a. Meilensteine wie die Debütalben von Patti Smith und den Stooges, seine Seelenfreundin und Ex-VU-Kollegin Nico und übrigens auch das erste Album von Element of Crime produziert, eine schier endlose Masse an Soundtracks geschrieben und unglaublich intensive Konzerte geliefert, an die man sich noch nach Jahrzehnten erinnert. Und nun will es John Cale, wie man so sagt, noch einmal wissen: Rund zehn Jahre nach "Shifty Adventures In Nookie Wood" bringt er mit "Mercy" kommende Woche wieder ein Album mit neuen Songs heraus.

Wenn sich in Cales Repertoire, grob vereinfacht, raubeiniger Psycho-Blues ("Sabotage") mit Rückgriffen auf seine klassische Ausbildung wie bei seiner im Zeichen des Falkland-Kriegs stehenden Dylan-Thomas-Vertonung "Words For The Dying" kontrastieren, so bekundet er sporadisch auch Sehnsucht, "mit der Zeit zu gehen" - zuletzt 2016 auf "M:FANS", einer mit modernen Produktionsmitteln realisierten Neudeutung von "Music For A New Society" (die man nicht zwingend lieben muss).

Brexit und Klima

Oberflächlich besehen scheint "Mercy" ähnlich gelagert: Allein die Mitarbeit vieler jüngerer Musikschaffender - von Sylvan Esso über Laurel Halo bis zu Weyes Blood - indiziert Streben nach "zeitgemäßer Relevanz"; dass elektronische Gerätschaft, wenn auch durchaus reizvoll interpunktiert durch akustische Gitarren, Piano und vereinzelte Noise-Einlagen, den Sound dominiert, scheint diesen Eindruck zu untermauern.

Das irritiert zunächst insofern etwas, weil Cales Vortrag in diesem Klangnebel mitunter nur schwer bei der Hörerschaft ankommt. Nicht gut für die intensiven Inhalte, in die u.a. Trump, die Black-Lives-Matter-Bewegung, der Brexit oder die Pandemie einfließen. Der Klimawandel kann Cale schon einmal veranlassen, über den rechtlichen Status des eben nicht ewigen Eises nachzudenken; dem einst stolzen Europa werden sarkastische Abschiedsgrüße bestellt: "The grandeur that was Europe / is sinking in the mud / the savagery that was the Church of God / has alrady joined the club."

Was bei genauerem Hinhören frappiert, ist, wie kunstvoll Cale die meist vokalen Beiträge seiner Gäste in die Arrangements eingearbeitet hat. Ein Höhepunkt ist etwa "Story Of Blood", wo die Stimme von Weyes Blood um Cales Gesang herumzuwandern scheint, ohne sich jemals wirklich mit diesem zu vereinen.