Nicht immer muss eine Torte mit der Aufschrift "Happy Birthday" verziert sein. Man könnte es - wie die britische Musikerin Tor Maries alias Billy Nomates - auch einmal mit einem von Herzen kommenden "Fuck You!" versuchen.

So geschehen im Musikvideo zu ihrem Song "Spite", in dem die Songwriterin, Sängerin und Produzentin bereits in den Eröffnungszeilen klarstellt: "I know you think you hold all your power over me / But you don’t / Only I hold power over me." Und: "Little boy, don’t think you quite understand / Don’t you act like I ain’t the fucking man / I’m only here ’cause I can."

Zu Gast im Hotel Papa

Die in Bristol ansässige Musikerin, die man sich nicht als Diva im eigentlichen Sinn vorstellen muss, obwohl sie ihr Geburtsjahr sehr konsequent verheimlicht, wurde vor drei Jahren mit ihrem selbstbetitelten ersten Album vorstellig, nachdem ihre angestrebte Karriere als Musikerin nach erfolglosen Jahren in wechselnden Bands bereits wieder beendet schien. Erst ein motivierender Konzertbesuch bei den Sleaford Mods, die anschließende Kontaktaufnahme mit dem Duo aus Nottingham und dessen baldige, nun ja, Mentorenrolle sorgte für neue Dynamik. Unter ihrem bereits auf eine Rolle als Solitär und Freigeist verweisenden Künstlernamen Billy Nomates landete Maries schließlich bei Invada Records, dem Label von Portishead-Mann Geoff Barrow, unter dessen Fittiche sie sich sowohl im Studio als auch live auf der Bühne als One-Woman-Show zu inszenieren begann.

Leider erschien ihr im Wesentlichen auf Bass, Gitarre, Drumcomputerbeats, beigestellte Elektronik und grantigen Sprechgesang gebautes Debütalbum dann ausgerechnet im Jahr 2020 und somit zur Unzeit. Das selbstbetitelte und mit einer guten Portion Wut auf die Verhältnisse und das System aufgeladene Werk, auf dem Maries ihre Verweigerungshaltung nicht zuletzt mit programmatischen Songs wie "No" exerzierte, ging trotz Kritikerlobs weitgehend unter. Vor allem aber der pandemiebedingte Ausfall einer Tournee machte Billy Nomates sowohl in aufmerksamkeits- als auch in realökonomischer Hinsicht zu schaffen. Statt auf den Bühnen Europas fand sich die Musikerin nach der scheinbaren nächsten beruflichen Niederlage im Hotel Papa auf der Isle of Wight wieder. Dort regierten Depressionen und Lockdownblues die tägliche Routine.

Folgerichtig fokussiert das irgendwann nach dem Aufrappeln dann doch noch in Angriff genommene und jetzt vorliegende zweite Album weniger die äußeren Umstände. Vielmehr dokumentieren die zwölf Songs von "Cacti" eine Hinwendung zur Innenschau. Immerhin ist auch ein Kaktus dazu in der Lage, unter verschärften Bedingungen zu überleben. Dabei geht es nicht bloß um das Überwinden von Widerständen. Nicht zuletzt das Zurückstechen ist eine Kompetenz, die man von Sukkulenten erlernen kann. Ein Dasein in unwirtlichen Gegenden wie Wüsten oder den vernachlässigten Ecken städtischer Wohnungen härtet ganz einfach ab.

An der Dampforgel

Erstaunlicherweise sind die abermals von den bewährten musikalischen Grundzutaten getragenen Songs zwischen markanten Post-Punk-Bässen, pluckernden und tuckernden Drum-Machines sowie aus dem Elektropop der 80er Jahre entlehnten Synthesizern diesmal aber zärtlicher und zugänglicher ausgefallen. Anstatt ihres Sprechgesangs singt Billy Nomates jetzt auch tatsächlich und sorgt gleich im Alleingang für ihre eigene zweite Stimme, die mitunter auch gedoppelt oder geschichtet wird.

Das britisch gefärbte Betongrau hat Billy Nomates dabei mitunter sogar gegen einen durchaus schillernden US-Popentwurf von seinerzeit ausgetauscht. Nicht nur inhaltlich würden dann auch der guten alten Mann-Frau-Sache geschuldete Lieder über etwa einen Johnny wie im Falle von "Black Courtains In The Bag" bestens zu Fleetwood Mac in ihrer "Rumours"-Phase passen. Zwischen Ausreißern wie dem an der Dampforgel gegebenen "Roundabout Sadness" oder dem mit einer guten Portion Country-Twang als Sperrstundensong angelegten "Fawner" hört man also den einen oder anderen Song, der wie ein Evergreen klingt, ohne allerdings einer zu sein - oder es vermutlich jemals zu werden.

Ein gewisses Happy End sollte "Cacti" für Billy Nomates aber auf jeden Fall bedeuten. An ihren Qualitäten zweifelt spätestens jetzt niemand mehr.