Die Frage nach der Zukunft des Rock ’n’ Roll bringt, je nach Standpunkt, recht unterschiedliche Antworten mit sich. TikTok-Influencer*innen etwa sind mitunter der Meinung: Rock ’n’ was?? Wieder andere nehmen Anleihen bei Frank Zappa, indem sie behaupten, das Genre sei zwar noch nicht ganz tot, rieche aber bereits etwas komisch.

Die italienische Band Måneskin wiederum berief sich mit einem beinahe direkten Zitat auf Neil Young: "Rock and roll never dies!" Sie tat das aber ausgerechnet im Rahmen des Eurovision Song Contest, bei dem das beschworene Genre vielleicht alles zu verlieren, im Regelfall aber jedenfalls nichts verloren hat. Dabei hatte das 2016 in Rom gegründete Quartett in der Finalrunde des Jahres 2021 in Rotterdam tatsächlich seinen Rock-’n’-Roll-Moment. Nachdem Sänger Damiano David Kokain-Abusus vor laufenden TV-Kameras vorgeworfen worden war, reagierte dieser nur leider nicht ganz standesgemäß. Er ging freiwillig zum Drogentest, der, du liebe Güte, dann auch noch negativ ausfiel. Wir sehen schon, wahrscheinlich ist die Sache mit dem Rock ’n’ Roll bei Måneskin zunächst einmal nicht allzu viel außer eine etwas gewagte Behauptung.

Der Name Måneskin ("Mondschein") ist wie Bassistin Victoria De Angelis als weibliches Viertel der nicht ganz geschlechterparitätisch besetzten und sehr rasch zu internationalem Erfolg gekommenen Band dänischen Ursprungs. Nach Anfängen als Straßenmusiker in ihrer ewigen Heimatstadt, der Teilnahme an der italienischen Version der Castingshow X-Factor im Jahr 2017, zwei überwiegend in ihrer Muttersprache eingesungenen Alben und schließlich dem Sanremo- und ESC-Triumph mit dem Song "Zitti e buoni" ("Leise und brav"), der mit der Zeile "Wir sind verrückt, aber anders als sie" eine tatsächlich sehr ESC-taugliche Botschaft bereithielt, kann die Band mittlerweile auf Streams im Fantastilliardenbereich und 40 Millionen verkaufte Tonträger verweisen. Übertragen auf heimische Verhältnisse bedeutet das zwei Auftritte beim Nova Rock (Encore) in den Jahren 2021 und 2022 sowie eine bereits längst ausverkaufte Wiener Stadthalle, die die Band heuer am 28. April "rocken" wird.

Måneskin sind anders als andere Teilnehmer also auch und gerade nach dem Song-Contest wirklich erfolgreich, wobei sich eine entscheidende Frage stellt - die Frage nach dem Warum. Wie jetzt auch das soeben erschienene dritte Album "Rush!" (Sony Music) sehr überzeugend erklärt, kann es an der Musik selbst nicht liegen. Das mit 17 Songs so ambitioniert angelegte wie langatmig ausgefallene Werk wurde mit sieben Co-Produzenten eingespielt, von denen vor allem der Name Max Martin ins Auge sticht. Mit der schwedischen Hitbombe hinter dem Erfolgszug so gut wie aller Mainstream-Acts von Britney Spears und den Backstreet Boys über Katy Perry und Pink bis herauf zu Ariana Grande geht jede Rock-’n’-Roll-Credibility endgültig den Bach hinunter. Wobei Max Martin Måneskin auch weiterhin Måneskin sein lässt. Ihr Sound wurde also wenigstens nicht, sagen wir, verjustinbiebert.

Als kleines "Dankeschön" für die Aufnahmesessions in der Glam- und Glitzermetropole Los Angeles stimmt Damiano David bei Songs wie "Gossip" oder "Supermodel" übrigens gleich einmal seinen Abgesang auf das Glam- und Glitzerleben an, den man ihm in dieser Form gar nicht zugetraut hätte - der Mann steckt bevorzugt in waffenscheinscheinpflichtigen Spandexhosen und trägt nicht nur mit dem Eyeliner sehr gerne zu dick auf. Das alles klingt dann etwa auch bei einer stadiontauglichen Variante eines L’amour-Hatschers namens "Timezone", mit dem der Sänger auf sein Jetsetleben pfeift, um stattdessen daheim mit seinem Baby Liebe zu machen, erheblich sexpositiv. Damiano David ist ja nicht blöd und übersetzt das Credo der Band, die Musik der Vergangenheit in die Moderne zu überführen, trotz seines Gockel-Getues zwar schon äußerst sexy, aber ohne die #MeToo-Gefahr verheißenden Elemente der Vorlage aus den 1970er Jahren, Stichwort Königspudel.

Nach sehr vielen Songs, die auch nicht viel schlechter als jene einer handelsüblichen Indierock-Band aus dem FM4-Universum sind, ist das bald natürlich trotzdem zu viel. Nach einem versuchten Dancefloor-Banger wie "Bla Bla Bla" und seinem Erektionswitz, dem dräuenden, da politisch konnotierten "Gasoline", dem bemüht als Punkbrett angerichteten "Kool Kids" sowie einem Italo-Block um das wirklich sehr mutig betitelte "Mammamia" und jeder Menge Überdramatik im Bereich der rührseligen Feuerzeugballade ("The Loneliest"!) wird es höchste Zeit für Drogentest Nummer zwei. Zumindest in den Songtexten wird auf "Rush!" nämlich sehr wohl Kokain gezogen, dass es nur so staubt. Meine Dame, meine Herren!