Wechselt virtuos Stile und Sprachen: Shiina Ringo.Foto: EMI Japan
Wechselt virtuos Stile und Sprachen: Shiina Ringo.Foto: EMI Japan

Die Japaner legen viel Wert auf Sinnlichkeit. Wenn es ums Essen geht, muss alles möglichst frisch zubereitet und dekorativ angerichtet sein. Am besten lebt der Fisch noch, wenn er filetiert wird. Jeder Japaner reist mindestens einmal im Leben zu den berühmten Onsen , den Thermalbädern, die sich aus heißen Quellen speisen. Für die traditionelle Teezeremonie, schließlich geht es dabei ums Sterben, nimmt man sich viel Zeit. Fast wie ein Gegensatz dazu wirkt der oftmals derbe Humor - man denke etwa an die TV-Show "Takeshi´s Castle" - oder der Umgang der Japaner mit Frauen. Dies ist umso mehr ein Grund, einen - gewiss subjektiven - Blick auf die weibliche japanisch Musikszene zu werfen, die sich alles andere als unterwürfig präsentiert und so gar nicht in die stilisierte Sinnlichkeit passen will. Sie ist frech, selbstbewusst, westlich geprägt und traditionell beeinflusst.

In Japan ist die auf der Insel Kyushu aufgewachsene Shiina Ringo (eigentlich Shiina Yumiko) ein Star. Ringo bedeutet im Japanischen roter Apfel und spielt auf schnelles Erröten an. Im Mai 1998 erschien ihre erste Single "Koufukuron" (Theorie des Glücklichseins). Ihr erstes Soloalbum "Muzai Moratorium" veröffentlichte sie ein Jahr später. Von 2004 bis 2007 setzte sie mit ihrer Solokarriere aus und gründete die Band Tokyo Jihen. 2009 erschien ihr jüngstes Soloalbum "Sanmon Gossip". Während die Musik von Tokyo Jihen zwischen Rock, Jazz und Pop pendelt, sind die Soloalben vom Shibuya-kei , einer Mischung aus Jazz, Pop und elektronischer Musik, geprägt.

Doch Shiina Ringo belässt es nicht dabei: Sie reichert ihre Musik mit Swing- und Punkelementen an und fühlt sich auch im Enka , der japanischen, auf einer pentatonischen Tonleiter basierenden Schlagerform, zu Hause. Wie die Stile, so wechselt sie in ihrem Gesang problemlos die Sprachen: Neben japanisch singt sie französisch, englisch und sogar deutsch (etwa "Ich liebe Dich" von Edvard Grieg). Jeder Song wird so zu einer kleinen Geschichte, einer reizvollen - manchmal äußerst energisch vorgetragenen - Überraschung.

Ein-Frau-Orchester

Nicht weit weg von skandinavischen Einflüssen ist die Musik von Midori Hirano zu verorten. Wie etwa bei der dänischen Band Under Byen mischen sich Gitarre, Cello, Klavier und Violine zu einer eigenwilligen Kammermusik. Ihre Stimme setzt Midori kaum gesanglich, mehr wie ein Instrument ein. Allerdings ist die studierte Pianistin ein Eine-Frau-Orchester, deren elektro-akustische Kompositionen innerhalb ihrer vier Wände auf einem MacBook Pro und mit dem Programm Logic entstehen. 2008 wurde Midori Hirano zum "Berlinale Talent Campus" eingeladen. Abgesehen davon, dass Hirano Filmmusik komponiert hat, klingen auch die meisten Stücke ihrer beiden Alben wie der Soundtrack zu einer Großstadt bei Nacht - wenn alles ein bisschen verloren wirkt. Scheinbar hat ihr Berlin gefallen, sodass sie gleich von Kyoto dorthin zog. Deshalb darf man sich auf eine größere Präsenz Hiranos in den euroäischen Clubs freuen.