http://www.wienerzeitung.at/bilder/pop/wickie.jpg Es ist soweit: die Babyboom-Generation besinnt sich ihrer Kindheit und Jugend. Die vielgeschmähten siebziger Jahre erwachen zu neuem Leben.

Wer erinnert sich nicht gerne daran, an die Zeit als das ORF-Fernsehprogramm nur wenige Stunden pro Tag dauerte und deshalb umsomehr Ö3 gehört wurde, als Abba den Lifestyle prägten und lange Hemdkrägen cool statt komisch wirkten.

Nachdem das Online-Erinnerungsalbum "Wickie, Slime und Paiper" in Buchform eine ganze Generation über längst verflossene Zeiten meditieren ließ, wurde nun eine gleichnamige Doppel-CD herausgegeben.

Die 70er waren eine durchaus richtungsweisende Zeit. Es entstand Disco, das auch heute noch als Techno, Rave usw. bestens gedeiht. Und zum Unterschied zur Gegenwart war damals noch alles möglich ·

Musiksendungen mit Jazz, Country, Pop und Rock oder Ö3 mit ebensolchen Inhalten plus Austropop. Oder daß die Hitparaden-Rivalen Windows und Mouth & McNeal gemeinsam im TV eine deutschsprachige

Verulkungsversion ihres Hits "How Do You Do" sangen.

Doch während die großen Hits der damaligen Zeit leicht auf unzähligen Hit-Compilations zu finden sind, hat es der Seventies-Fan bei der Suche nach den kleinen Perlen sehr schwer. "Fried Face", das

chronologisch betrachtet vierte Album von Dr. Hook & The Medicine Show, erschien nur kurzfristig in den USA und ward seitdem nicht mehr gesehen oder gehört. Ähnlich erging es vielen anderen Platten,

die den Sprung von Vinyl auf CD nicht schafften. Sogar Paul Simons "There Goes Rhymin' Simon" ist in Österreich nur als Import erhältlich. Ein Album, dessen Songs ("Kodachrome", "Take Me To The Mardi

Gras", "Was A Sunny Day", "One Man's Ceiling") immerhin Mitte der Siebziger oft genug im Radio gespielt wurden.

Zuviel aus den Eighties

Doch auch "Wickie, Slime und Paiper" hilft wenig weiter. Denn leider sind zu viele Songs aus den Eighties enthalten, und die Lieder der Siebziger sind durchwegs keine Raritäten. Erstaunlich ist

aber, daß etwa Umberto Tozzis "Ti Amo" nicht in der Originalversion enthalten ist, sondern in einer neuarrangierten Fassung. Oder daß von Frank Zanders "Ur-Ur-Enkel von Frankenstein" nur das Intro

genommen wurde. Die großen Hits erwartet man sich sowieso nicht. Denn Abba, Bee Gees, Cat Stevens und Co. lassen sich fast nie auf Hitsampler pressen.

Erfreulich ist dagegen, daß zwei Österreicher den Weg auf das Album fanden. Georg Danzers "Jö schau" animierte über Jahre hinweg Nichtwiener zum Besuch des Hawelka, Wolfgang Ambros' "Da Hofa" ist

ebenfalls ein Klassiker des Austro-Pop.

Das Fehlen anderer heimischer Seventies-Hymnen (u.a. von Wilfried, Misthaufen, Waterloo & Robinson, Peter Cornelius) schmerzt aber ein wenig. Aber nachdem man das Cover mit einem Vol. 1 versehen hat,

könnte dies bei Teil 2 in Ordnung gebracht werden.

Dafür bietet "Wickie, Slime und Paiper" klassische Ö3-Jingles und einige Titelsongs von nunmehrigen Kultserien wie etwa von "Wickie und die starken Männer" oder "Mein Onkel von Mars". Weiters ergibts

sich ein Wiederhören mit Dschi Dschei Wischer und Pezi.

Wer allerdings mehr Disco-Hits hören will, findet bis dahin Trost mit der hervorragenden Doppel-CD "Disco-Kult" (BMG Ariola). Eine durchaus empfehlenswete Seventies-Reihe ist EMIs "Hit Collection

International".
Diverse: Wickie, Slime und Paiper (Sony).