"Man, there's something about those Evanses", soll Miles Davis einmal gesagt haben. Und er hat recht gehabt. Schon alleine die beiden Bill Evanses haben einen nicht zu verachtenden Beitrag zur Geschichte der Jazzmusik geleistet. Der erste Bill Evans war ein Pianist. Der zweite ist ein Saxophonist, der den Drang zur Innovation von Miles Davis geerbt hat und diesen weiterlebt. Der Name Gil Evans spricht ebenfalls für sich selbst und die vielen anderen Namensvettern zeugen in der Jazzmusik auch für Qualität.

Aber nun wieder zurück zu Bill Evans - der Saxophonist: Mit "Push" (Lipstick) hatte der gute Mann einen großen Schritt in Richtung Dance- bzw. HipHop-Jazz gemacht. Ein Produkt, das überall gerne gehört und gespielt wurde; sogar das Radio hat sich für Jingles so manche Bill-Evans-Passagen herausgefischt. Bei der darauffolgenden CD "Escape" war trotz Spitzenbesetzung (u. a. mit Marcus Miller und Jim Beard) ein Abflauen zu bemerken, weil der Versuch erkennbar war, dem "Push"-Album zu entsprechen.

Mit "Starfish and the Moon" (Escapade/emv) folgt nun Evans wieder seiner inneren Stimme und gibt der Kreativität gegenüber der Kommerzidiotie den Vorzug. Mit dabei sind diesmal u. a. Vinnie Colaiuta (Schlagzeug), Adam Rogers (Gitarre), Jon Herington (Gitarre) und wieder einmal Jim Beard (Piano) - gleichzeitig als Produzent fungierend.

"Ich gehorche meinem Instinkt; ich habe das HipHop-Projekt gemacht weil mir der Sound gefiel. Und genauso gehe ich mit der akustischen Musik um. Vielleicht hat sich der Kontext verändert, aber im Grunde ist meine Musik dieselbe, weil ich noch immer das mache, was ich glaube", sagt Bill Evans zu seiner neuen CD.

"Starfish and the Moon" hat durch seinen Gitarrenschwerpunkt und der Brise Blues, die dabei mitschwingt etwas Erdiges an sich, das der Musik die richtige Würze gibt. Außerdem greift Evans mitunter zum Tenorsaxophon und konzentriert sich nicht mehr ausschließlich auf das Sopraninstrument, was natürlich die Stimmung des Vorhandenen noch unterstreicht.

Taucht beim Anhören der CD vielleicht einmal die Erinnerung an Janis Joplin auf, dann wahrscheinlich mitunter deswegen, weil es auf dem Album auch einen "Whiskey Talk" gibt und der Tonträger in seiner gesamten Erscheinungsform ein wenig die amerikanische Ländlichkeit anpreist - allerdings auf intellektuelle Weise; die klangliche Anlehnung an den Pat-Metheny-Sound ist wohl dafür verantwortlich.

Für die rhythmische Ausgewogenheit sorgt im übrigen Zawinul-Syndicate-Rhythmusmeister Arto Tuncboyacian, der auch seine Stimme stimmungsvoll zum Tenorssaxophon Evans' einsetzt.

"Ich tendiere in letzter Zeit immer mehr zum Tenorsaxophon", sagt Evans, "heutzutage spielt jeder immer schneller und immer lauter und mich inspiriert es, mich in den hohen Registern des Instrumentes zu bewegen, es ist auch irgendwie natürlicher. Ich habe das Gefühl, meine eigene Stimme auf dem Tenorsaxophon besser zu finden. Spiele ich hart und feurig, dann hört man meine Einflüsse. Wenn ich aber etwas leiser und zurückhaltender spiele, scheint es, als würde daraus meine Stimme erwachsen, ohne daá ich darüber nachdenken müßte".

Der Musiker wollte schon immer das verwirklichen, was er in seinem Kopf hört - "Saxophon mit akustischem Baß und akustischer Gitarre, die zu vokalen Sektionen führt; nicht unbedingt mit Worten, sondern mit Tönen". Und das hat Evans geschafft:
Bill Evans: Starfish and the Moon (Escapade/emv)