Ein kurzer Echo-Hall, tiefes Blubbern und ein insistenter Gitarrenakkord, der ohne Schlagzeug eine traurig irrlichternde Trompete, sphärische Keyboards, zischelnde Percussion, dramatisch anmutende background vocals und über allem eine glockenhelle Frauen-Stimme trägt, die sehnsuchtsvoll verbotenen leiblichen Genüssen nachtrauert: So wird die bisher schönste Indie-Pop-Platte dieses Jahres eröffnet: "Idealistic Animals", das zweite Album der aus Südafrika stammenden, schon für ihr Debütalbum "Replace Why With Funny" von 2009 hochgelobten Dear Reader.

Es ist ein elf Songs langes Fest der Artenvielfalt, nicht nur was die Tiernamen in den Titeln - Fuchs, Affe, Maulwurf, Regenwurm, Giraffe, Wal, Bär, Elefant, Drache, "Mensch" - angeht, sondern auch in seiner musikalischen Reichweite, die sich von der Folk-Ballade über leichte Jazz- und Ragtime-Einflüsse und dynamischen Pop-Rock bis zur pastoralen Feierlichkeit des abschließenden "Kite" erstreckt. Die formale Aufmachung und die schlüssig durchdachte Dramaturgie der ineinander übergreifenden Stücke indizieren ein Konzeptalbum, das auf allegorische Weise das menschliche Existenzdrama erzählt, denn niemand anderer als der homo sapiens ist das "Idealistic Animal".

"Das war ursprünglich gar nicht so strikt geplant", erzählt Sängerin, Songschreiberin, Texterin, Gitarristin und Pianistin Cherilyn MacNeil bei einem Besuch in Wien: "Ich hatte nicht von Anfang an vor, allen Songs Titel mit Tiernamen zu geben. Das kam erst nachher, als ich erkannte, dass da etwas ist, das die Songs auf subtile Weise miteinander verbindet. Dass ich die LP ,Idealistic Animals nennen würde, wusste ich allerdings von Anfang an. Diesen Titel trage ich schon seit zwei Jahren mit mir."

Vielerlei Bläser, Streicher, Keyboards, Xylophon und Akkordeon haben bei den Aufnahmen in Leipzig das Klangbild der Platte - die entgegen ihrem Ruf weniger opulent als vielmehr dicht und spannungsreich arrangiert wirkt - zu formen geholfen; austariert und endgefertigt hat es Brent Knopf, ehedem Mitglied der Indie-Rock-Band Menomena, in seiner Heimatstadt Portland.

Digitales Equipment


"Eigentlich ist das Ganze eine Super-low-fi-Produktion", erklärt MacNeil. "Die letzte Platte machte ich in einem ordentlichen Studio mit gutem Equipment. Da haben lauter professionelle Menschen mit all dem großartigen anologen Equipment gearbeitet, mit dem ich nicht umgehen kann. Bei ,Idealistic Animals war ich stark am Aufnahmeprozess beteiligt. Da konnte ich mich mit meinen kleinen digitalen Gerätschaften in einen Club setzen und die Musik bearbeiten. Wenn man darauf geschult ist, hört man das. Es gibt Stellen, da ist es nicht der warme, analoge Sound, sondern spröder Digital-Sound. Ich glaube, Darryl wird es nicht sehr mögen."

Darryl Torr war bisher MacNeils Partner bei Dear Reader. Er ist auch einer der gefragtesten Tonmeister in Südafrika. Dort hat ihn Cherilyn MacNeil letztes Jahr in aller Freundschaft zurückgelassen, um dem Ruf von Christof Ellinghaus, dem Chef ihres Labels City Slang, zu folgen und nach Berlin zu ziehen. "Ich wäre allerdings nicht aufgebrochen, wenn ich nicht sowieso einen starken Impuls verspürt hätte, wegzugehen", sagt die 28-Jährige.

Cherilyn MacNeil verbindet ein problematisches Verhältnis mit ihrer Heimat. "Ich habe mich in Südafrika immer ein wenig fremd gefühlt. Ich hatte immer dieses deutliche Gefühl, hier zu sein, weil meine Vorfahren etwas von Leuten genommen haben, das ihnen nicht gehört. Ich habe hier nie beide Füße auf den Boden gekriegt. Das Problem ist, dass ich anderswo auch nicht wirklich hingehöre. Ich habe 18 Monate in England gelebt und mich nie so fremd gefühlt wie dort. Ich fühle mich in Berlin noch weit eher zu Hause als ich mich damals in England gefühlt habe."

MacNeil lebt im unschicken Neukölln. "Als ich hörte, dass das eine raue Gegend sein soll, dachte ich, ,Was redet ihr da?", lacht sie. "Dort, wo ich herkomme, ist es rau. In Johannesburg ziehst du dich immer in die Hülle deines Autos zurück. Es ist frustrierend, in Johannesburg zu leben, denn es repräsentiert bestimmt nicht das Beste, was Südafrika zu bieten hat. Man lebt dort nur, weil es Jobs und Geld gibt."

In Berlin genießt es Cherilyn, auch um drei Uhr früh angstfrei zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sein zu können. Eine wachsende Missstimmung gegen die vielen Fremden in der Stadt ist ihr, die schon recht gut Deutsch spricht, freilich nicht entgangen. "Ich verstehe auch durchaus, wie irritierend es für die eingesessenen Berliner sein muss, die kein so tolles Leben haben, wenn tausende Fremde in ihrer Stadt herumschwirren, nicht arbeiten, nur Party machen, schwärmen, ,Oh, Berlin ist so billig!, die Mieten hinauftreiben - und oft eine beschissene Einstellung an den Tag legen: Sie nehmen nicht wirklich am Stadtleben teil, lernen die Sprache nicht und schauen nur, eine möglichst gute Zeit zu haben.