Ich halte "Wutbürger" immer noch für eine leicht gemeine Verniedlichung, aber: ja. Ich war dreimal bei Stuttgart 21; vor allem in einem Camp, in dem Hunderte Menschen auf feine Weise gewaltfreien Widerstand geprobt haben. Da gab’s Seminare, da konnte man Vorschläge machen. Ich meinte ja, es sollten 1000 Leute gegen den Bauzaun pissen (lacht). Es war so angenehm, dort zu sein.

Bei solchen Protesten kann es aber doch auch immer wieder zu Problemen mit Gewalt kommen.

Keine Frage - wir leben in einer gewalttätigen Gesellschaft. Und dass da auch Aktionen, die eigentlich gewaltfrei sein wollen, immer wieder gewalttätig werden, ist für mich verständlich. Ich habe auch Verständnis für die Jugendlichen in London, die ausgerastet sind.

Apropos Zorn. Ihr neues Buch hat den Untertitel "Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit" und ist eine Zusammenarbeit mit dem Zen-Meister Bernard Glassman. Ist Zen nicht eine kontemplative Sache?

Darum ging es auch in unserem ersten Gespräch. Glassman kam gerade aus Auschwitz, machte dort Meditationen mit Kindern der Täter und Opfer. Er ist ein engagierter Buddhist, will nicht nur meditieren. In unserem Gespräch meinte er: Alles muss aus Liebe passieren. Ich wandte ein: Wie komme ich aber ohne Wut auf den Gedanken, dass ich etwas verändern möchte? Wir einigten uns darauf, dass man zwar nicht aus Wut handeln soll, aber dass diese ein guter Motor ist, um zu handeln. Nun gut: Er meditiert sei 40 Jahren, da ist er vielleicht weiter als ich.

Sie meditieren auch?

Seit zehn Jahren. Doch ich denke, dass meine Form des Meditierens eher das Improvisieren am Klavier ist. Insofern habe ich mein Leben lang meditiert.

Am Klavier können Sie auch spötteln: Auf Ihrem neuen Album findet sich ein Liebesgeständnis an Kanzlerin Angela Merkel. Das klingt, als hätte es der sozialkritische Chansonnier Georg Kreisler erdacht.

Es ist ja eine Hommage an Kreisler, auch textlich. Sich hinterfotzig an jemanden ranschleimen und dann hinterrücks austeilen, das habe ich von Kreisler gelernt. Ich werde Merkel die CD mit einer Widmung schicken (lacht).

Kreisler, in letzter Zeit als Opernkomponist tätig, bereut als fast 90-Jähriger, viel "kommerzielle" Musik gemacht zu haben. Könnten Ihnen ähnliche Bedenken kommen? Neben Ihren lyrischen und engagierten Werken haben Sie Musicals geschaffen, einst in Film-Klamotten gespielt.

Lassen wir die frühen Sexfilme weg, da habe ich gutes Geld verdient, und es hat Riesenspaß gemacht. Und wegen Opern: Ich habe einmal geschrieben, dass mich Puccini gehindert hat, Opernkomponist zu werden. So etwas wie die "Tosca" werde ich nie schreiben können, also lass ich’s. Ich beherrsche die kleine Form, das Lied. Und ich freu mich, alles als Übung dafür zu betrachten. Auch Filmmusik schreibe ich wahnsinnig gern, das alles fließt in meine Lieder ein. Auch wenn ein Lied dann nur aus drei Tönen besteht - ich denke, man merkt das trotzdem.

"Oft werde ich gefragt:

Glauben Sie, dass Sie mit

Ihren Liedern die Welt

verändern können?

Quatsch."