Das erste Gesetz im Buche Mika lautet: Die Liebe mag ja aua machen im Herzen drin. Aber: Warum genau soll ich mir meine gute Laune ruinieren lassen davon? Mit "Relax, Take It Easy", "Celebrate", "Love Today" und ähnlichen Sternstunden des Erbauungspop mehr demonstriert der libanesisch-britische Sänger also auch im Wiener Gasometer, dass die Sonne immer, immer wieder aufgehen wird und wir nur mit ihr aufstehen wollen müssen. Und er erklärt mit scheinbarer Leichtigkeit, wofür die Pharmaindustrie viel Anstrengung und noch wesentlich mehr US-Dollars investieren musste, um uns zunächst wieder gesellschaftsfähig und dann volle Kanne happy peppy zu machen. In der Tat, Michael Holbrook Penniman, Jr. alias Mika ist der wirkungsmächtigste Serotonin-Wiederaufnahmehemmer seit Erfindung des Serotonin-Wiederaufnahmehemmers. Kommet und nehmet alle davon!b

Im Verbund mit den Hits seiner Alben "Life In Cartoon Motion" und "The Boy Who Knew Too Much", die mitunter klingen, wie man sich einen Kindergeburtstag bei Ronald McDonald ausmalen kann, sowie dem Material aus seinem aktuellen Werk "The Origin Of Love" hat Mika, der auf der Bühne wiederum aussieht, wie man sich Kika-Moderator Willi Weitzel ("Willi will’s wissen") als Popstar vorstellen darf, sichtbar die Mutter aller Partyformeln gefunden. Bereits bei Song Nummer vier regieren Ententanz (!) und gute (!!) Stimmung (!!!) in der Granthauptstadt Wien. Mika hampelt und humpelt über die Bühne. Er tollt und turnt am und um das Klavier herum wie ein ADHS-Kind nach drei Kannen Espresso und zwei Stunden Ego-Shooter. Ich! Will! Mehr! Mika erzählt einen Schmäh über Sex im Hotelzimmer. Und er macht trotz eines gehörigen Jetlags knapp zwei Stunden lang für uns Kilometer. Der Mann nimmt keine Drogen. Er selbst ist die Droge, und schon wieder langen alle zu. Mika im Betty-Ford-Pelz, vorgeblich verwundert. "The bars look surprisingly unoccupied. But you guys don’t look very sober!"

Freude und Freakout

Und auch die fünfköpfige Band unseres Helden heizt ordentlich ein. Der Bass macht wumm. Der Synth macht fiep. Die Frisur hält. Max am Bass jodelt jetzt im schönsten Sängerknabendiskant. Unterstützt von einem Wiener Gesangsverein, der seine Rolle als Lady-Gaga-Version eines Gospel-Chors anlegt, wird die gute alte Grundgestimmtheit einer Bierzeltgesellschaft in Richtung Freakout gedeutet. "Rain" erklingt im Erasure-Mix, bei "Relax, Take It Easy" liegt die Betonung auf Funk, und der zwischen French House und Großraumdisco angesiedelte RTL2-Pop von "Stardust" und "Celebrate" wird überraschend organisch gegeben. Das auf Melodram gestimmte "Underwater" wiederum erinnert an weißrussische Go-West-Beiträge für den Eurovision Song Contest, während Mikas Radikalfalsett nicht nur an dieser Stelle Fallhöhen erreicht, die auch Felix Baumgartner alt aussehen lassen.

Spätestens am Ende steht fest: Mehr Herzerweiterung wäre die "Licht ins Dunkel"-Gala oder eine Bypass-OP. Damit hat uns Mika den Abend gerettet. Er ist ein guter Freund in schweren Zeiten.