Wien. Dass sich der Problembär vom Schadbären ebenso unterscheidet wie vom "sich normal verhaltenden Bären", ist spätestens seit der diesbezüglichen, auf YouTube bis heute äußerst beliebten Aufklärungsarbeit durch Edmund Stoiber bekannt. Auf den österreichischen Popbetrieb umgelegt, gilt der Problembär als Grenzgänger und Individualist, der sich bezüglich seines Beutezugs gleichfalls nichts vorschreiben lässt. Wir sprechen über das 2007 von Stefan Redelsteiner gegründete Wiener Label Problembär Records, dessen Aushängeschild, Der Nino aus Wien, aktuell sein viertes Album vorlegt.

Starke Eindrücke

Bekannt wurde der 1987 als Nino Mandl geborene Sänger und Songwriter 2009 mit seinem FM4-Hit "Du Oasch" vom Album "Down in Albern", dem mit "The Ocelot Show" bereits ein Langspieler vorangegangen war. Nino präsentierte sich dabei als Songwriter mit dem gewissen Schmäh, dessen Hang zu Aberwitz und Irrsinn zugunsten eines ernsthafteren Zugangs aber auch hintangestellt werden konnte. In jedem Fall polarisierten die Ergebnisse genauso wie Ninos verschlafene Erscheinung - selbst Skeptiker mussten am Ende aber doch eingestehen, dass Nino zu jeder Zeit eigentümlich-originär aus den Boxen klingt.

Das ändert sich nun auch mit "Bulbureal" nicht, wenngleich Nino heute einen direkteren Ton anschlägt. An nur sieben Aufnahmetagen in Skopje eingespielt, veräußert sich diese Schnörkellosigkeit auch in betont kurzen Songs, die die Dreiminutenmarke oft nicht durchbrechen. Und weil auch diesmal kein Mangel an Ideen herrscht, werden die dringlichen Stücke rasch aneinandergereiht: Ehe man sich versieht, ist man aufgrund der fließenden Übergänge auch schon bei Lied Nummer drei angekommen.

Großes Storytelling ist von Nino nicht zu erwarten, stattdessen geht es um lose Assoziationsketten und einen spielerischen Umgang mit Sprache, wobei der (nicht unangenehm) manierierte, oft an den jungen André Heller erinnernde Vortragsstil mit salopper Textierung gerne auch gebrochen wird. Während Nino Field Recordings und die Folklore der mazedonischen Hauptstadt einstreut, Tabla-Psychedelik aufblitzt oder bei "Fühlen" Elektro-Drums und Discobass regieren, hinterlassen vor allem die hatscherten Balladen einen starken Eindruck - wie etwa "Ein Brief an die geheimnisvolle Madame Monique".

Am Spaßpedal


Aber auch Ninos Mitmusiker drängen nun in den Vordergrund. Paul Schreier, Sänger und Kopf seines gleichnamigen Bandprojektes PauT, das mit "sepp haT gesagt, wir müssen alles anzünden" 2010 den Protestsongcontest für sich entscheiden konnte, tritt mit seinem Debütalbum "ZuckerbroT & Spiele" hörbar auf das Spaßpedal.

Zwischen Augenzwinkern, größtmöglicher Ohrwurmtauglichkeit, hoher stilistischer Streuung und hochgehaltener Anti-Indie-Haltung (inklusive der bemühten Abrechnung "Ich bin so indielekTuell" - nun ja ...) geht es dabei mitunter doch etwas platt zu, während die musikalischen Seitensprünge in Richtung Vintage-R&B, Blues und Klezmer-Klarinetten originelle Ansätze bezeugen. Wie PauT in Anlehnung an Nachkriegsschlager wie Gus Backus’ "Sauerkraut-Polka" als Cowboy aus dem texanischen Hinterland erklärt, herrscht hier aber akuter Comedy-Alarm.

Ernster - und wesentlich konventioneller - geht es hingegen bei Ninos Tastenmann Raphael Sas zu, der als einstiger Vorstand der Wiener Band mob mit "Gespenster" sein Solodebüt vorlegt: Liedermachertum mit Bezügen zum Americana-Fach, zum Chanson und, mitunter und unterschwellig, zur Larmoyanz des Wienerliedes, das gleichermaßen geschult wie locker aus dem Ärmel geschüttelt klingt, steht am Programm. Instrumentiert wird der thematische Kosmos aus Herzschmerz und dem Versuch, wieder aufzubrechen, entsprechend hübsch mit greinender Geige, heulender Steelgitarre und zart gewischten Trommelfellen.

Zahlreiche Gäste beweisen, dass nicht nur die Problembären, sondern die Stadtmusikanten als solche bestens vernetzt sind. Wien als Dorf - hier ausnahmsweise eine gute Sache.