Die Band auf der Bühne darf getrost als Ausnahmeerscheinung bezeichnet werden. Zwar mochten The xx aus London mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum im Jahr 2009 noch der U20 des Pop angehören. Allen möglichen Einflüssen zum Trotz reichte die Band um das Frau-Mann-Doppel Romy Madley Croft und Oliver Sim an Gitarre und Bass sowie den im Hintergrund am Schalthebel aktiven Jamie Smith allerdings einen ebenso ausgefeilten wie unverwechselbaren Popentwurf, der eher auf dienstalte Profis hätte schließen lassen.

Verlangen, Verlust

Die Kunst von The xx ist der Zeit insofern entgegengerichtet, als sie die Abgeklärtheit unserer Tage mit zerbrechlicher Intimität kontrastiert. Anders als bei
Postings auf Facebook, die mit "Ich" beginnen und mit einer Erfolgsnachricht aufhören, geht es hier immer auch um die eigene Verletzlichkeit und darum, dass alles heute gerade noch Gute morgen schon im schwarzen Nichts verschwinden könnte. Das Ende naht, die Welt geht unter: "Did I hold you too tight? Did I not let enough light in?"

Zum Transport der zwischen V wie Verlangen, aber auch V wie Verlustangst angesiedelten Programmatik hat sich die Band wiederum dafür entschieden, weniger mehr sein zu lassen. Während der Rest so laut in die Welt hinausbrüllt, dass dort vor lauter Klang kein Ton mehr hörbar bleibt, geht es bei The xx unter Eingemeindung auch kontemplativ-nachtschwarzer Sounds um nichts weniger als die Reduktion auf das Wesentliche. Die wenigen dabei abgefallenen Tonspuren bringen den zusätzlichen Vorteil, dass das Material live auch tatsächlich live umgesetzt werden kann. Mit Jamie Smith als an der Kanzel Schwerarbeit leistendem Tastenmann und Beatbastler sowie den sparsam gesetzten Bass- und Gitarrenmelodien der Frontspitze, die den "echten" Bandcharakter verkörpern darf, wird die diesbezügliche Meisterschaft auch in der restlos ausverkauften Gasometer-Halle bewiesen.

Mit unseren melancholischen Freunden im zeitlosen Dresscode "Schwarz ist Trumpf", dem gleißenden Jenseitsweiß aus den ins Publikum gerichteten Bühnenscheinwerfern und dem mit schleichenden Subbässen sanft von Hip-Hop-Formalismen beeinflussten "Try" aus dem aktuellen Album "Coexist" geht es los. "Crystalised" wird als bald gereichter erster Hit in einer am Höhepunkt vorbeischrammenden "Downtempo"-Version gegen die Erwartungshaltung des Publikums gespielt. Wir hören die Aussparung dazwischen, die sich im grundsätzlichen Mut zur Lücke ebenso bemerkbar macht wie in der dramaturgischen Pause.

Fließender Übergang

Dazu dominiert Jamie Smith, der sich seine Fort- und Weiterbildung als fahrende Ich-AG über Remix-Aufträge, DJ- und Produzentenjobs vorbildlich selbst organisierte, die Live-Adaptionen mit elektronischem Know-how. Bei fließenden Übergängen durch modernistische, hübsch zum Kniewippen ladende Beats wird das Konzert bald als mit Band gegebenes DJ-Set angelegt. Die Ergebnisse bleiben als schattige, in Dialogform vorgetragene Reflexionen über das Auseinandergehen-Müssen und Endlich-Ankommen-Wollen aber subtil genug, dass sich ein tatsächlicher Tanz durch den Club dazu nicht ausgeht. In dieser Hinsicht auch hilfreich ist, dass die erstaunlich klaren Soundverhältnisse einem auf Tinnitusgefahr 0 gedrosselten Lautstärkepegel geschuldet sind. Etwas lauter wird das kaum unterhaltungselektronisch ausgerichtete "Infinity" gegeben, das als letzter Song vor dem Zugabenteil auf den Spuren von Chris Isaak und dessen "Wicked Game" vom Herzbruch erzählt.

"Angels" in seiner Form als unbedingte Liebesbekundung mit einer Art Happyend hätte es dann nur insofern nicht mehr gebraucht, als man nach diesem konzentrierten Konzertabend ohnehin glücklich nach Hause gegangen wäre. Silent devotion? Oh ja, oh ja, oh ja!