"Warz und Schweiß": Das Trio Lepschi auf Streifentour . . . - © Julia Maetzl
"Warz und Schweiß": Das Trio Lepschi auf Streifentour . . . - © Julia Maetzl

Das letzte ging am schnellsten: 13 Lieder waren getextet - allesamt in Schüttelreimen! -, komponiert und eingespielt. Nur eines fehlte noch, freilich das entscheidende - das Titellied. Da alle bis dahin gediehenen Versuche, auf einen griffigen (Titel-)Reim zu kommen - "Rau geschleimt" und "Mild gewixt" waren poetische Zwischenstationen -, setzte sich Stefan Slupetzky, Cheftexter des Trio Lepschi, einfach hin, folgte einer Eingebung - und 20 Minuten später war "Warz und Schweiß" fertig gedichtet.

Martin Zrost, Chefmusikant des Trios (Gitarrist und Sänger Thomas Slupetzky ist im Bunde der Dritte), brauchte auch nicht viel länger, um eine griffige, ex-trem schmachtende Melodie für das Lied mit dem Untertitel "In der Nacht am Rio Tlepschi" zu (er-)finden. Und so hebt die mit singender Säge intonierte Western-Weise folgendermaßen an: "In der Nacht am Rio Tlepschi/ saß Old Hätterschänd mit Tinnewuh,/ und ein Lied am Fagerleuer/ ließ den beiden reine Kuh . . ."

Was hier ein bisschen gar simpel schüttelgereimt daherkommt, ist freilich die Ausnahme (darum ging es ja auch so schnell) in dem neuen Opus des Wiener Trios, das ansonsten die allerhöchsten Schüttel-Ehren - quasi den geschüttelten Pulitzer - für diesen irrwitzigen und imposanten Kreativakt verdiente. Denn es sind, es sei nochmals gesagt, alle Texte des über 50 Minuten dauernden Albums in Schüttelreimen verfasst. Und zwar so, dass daraus komplexe Geschichten entstehen, also Sinngebilde mit vielen - mitunter erstaunlich vielen - Strophen, die etwa vom Leben in einem Sanatorium erzählen oder vom nicht nur schweißtreibenden Aufenthalt in einer Sauna ("Saunamassaker"). Da heißt es dann: "Am Anfang saßen sie mit blassen Nasen,/ die Füße suchten auf dem Boden Halt,/ Doch bald schon stöhnten sie mit nassen Blasen,/ der Schweiß, er tropfte von den Hoden bald . . ."

Dass das Schüttel-Reimen zu einer Manie, ja zu einer Art mentaler Krankheit werden kann, gibt Stefan Slupetzky unumwunden zu: "Man wird völlig kommunikationsunfähig, denn ständig hängt man diesen Reimen nach, testet alles auf Brauchbarkeit." Für das Lied "Fernsehkoch", das in hinreißend französelndem Tonfall vorgetragen wird, studierte der ehemalige Kinderbuchzeichner und nunmehrige "Krimi"-Autor im Internet etwa lange Zutatenlisten, um buchstäblich ein gerüttelt Maß an reimlich Verwertbarem zu finden. Herausgekommen sind dabei u.a. Kostbarkeiten wie "ein Hirschenkalb, zwei Kirschen halb,/ ein Kalberlschwanz, zwei Schwalberl ganz". Das Menü kulminiert schließlich in dem kulinarischen Sinnspruch: "Merke: Ist das Fleischerl bockig,/ wird auch meist das Beischerl flockig!/ Darum gehört auch das Kalb gehackt,/ Gut faschiert ist halb gekackt!"

Derb und deftig


Auch dass das Schütteln leicht und gerne ins Derbe und Deftige (ent-)gleitet, wird schuldbewusst und öffentlich (in dem der CD beigefügten Booklet, worin man alle Reime nachlesen kann) eingestanden: "Die Manie des Schüttelreimens lässt den Reimenden fortwährend in die Sumpflöcher des Unkorrekten und Obszönen stürzen . . . Ohne eine Chance auf Linderung müssen wir jedes Wort so lange schnetzeln und pürieren, bis etwas Schlüpfriges, Brutales oder wenigstens Verschrobenes dabei herauskommt."

"Geschnetzelt" und "püriert" wurde von den drei Herren bevorzugt auf längeren Autofahrten, meist zwischen Konzertauftritten. Dabei kam es zu regelrechten Schüttel-Ping-Pong-Schlachten, erzählt Stefan Slupetzky: "Wenn wir uns einem Ort genähert haben - und das Ortsschild auftauchte, kehrte im Wagen plötzlich Stille ein. Man konnte dann aber förmlich hören, wie es in jedem Kopf klick-klack machte und die Schüttel-Tauglichkeit des Ortsnamens geprüft wurde - bis der Erste mit etwas herausplatzte."

Mit diesem Wahn, "Auswurf eines chronischen geistigen Katarrhs", konterkarierte das Trio, das auch wiederum höchst virtuos und vielfältig musiziert, freilich seine eigenen Pläne. Daher kam es zu der paradoxen Abfolge, dass die nunmehrige dritte Platte in Wahrheit eigentlich die vierte ist.

"Wir waren mit einem anderen Album schon relativ weit, als diese Schütteleien aufkamen und uns nicht mehr losließen", sagt Slupetzky. "Also haben wir dieses Projekt vorgezogen - und die andere, halbfertige Platte vorerst einmal liegen gelassen." In Abstimmung mit den Coverbildern der ersten beiden Veröffentlichungen des seit knapp vier Jahren bestehenden Trios sollte eine Art "Hände-Trilogie" entstehen: Die erste Platte, "mit links" (2009), hatte Michelangelos "Adam-Erschaffungsfinger" ins Bild gerückt; auf der zweiten, "ztod gfiacht" (2011), war es der "Uncle-Sam-Finger", der dem Betrachter entgegenstreckt wird ("We want you!"). Nunmehr sollten es eigentlich Dürers "betende Hände" werden, aber die sind vorerst quasi im Hosensack verblieben.