Eine Nachricht droht im aktuellen Veröffentlichungstrubel etwas unterzugehen: Mit "Hesitation Marks" bringt Trent Reznor nicht nur das erste Nine-Inch-Nails-Album seit dem Jahr 2008 auf den Markt, er feiert damit auch die Rückkehr in den Mutterschoß der Musikindustrie. Das ist insofern überraschend, als die letzten Arbeiten seines Hauptprojekts nach jahrelangem und öffentlich zur Schau gestelltem Zorn auf und Ekel vor dem sogenannten System in Eigenregie überdie Bandhomepage vertrieben wurden. Der diesbezügliche (auch finanzielle) Erfolg bestätigte den Geschäftsmann Reznor zwar zunächst - die Marketing-Vorteile eines multinationalen Konzerns beziehungsweise die selbst in Web-2.0-Zeiten gegebene Schwierigkeit, als Künstler auch noch wirksam um die Kundschaft zu buhlen, führten aber doch zur Trendumkehr. Unabhängigkeit ist bekanntlich toll, (noch mehr) Geld allerdings auch nicht zu verachten.

Mit "Hesitation Marks" veröffentlicht Trent Reznor dieser Tage das achte Album seiner Nine Inch Nails. - © Foto: Universal Music
Mit "Hesitation Marks" veröffentlicht Trent Reznor dieser Tage das achte Album seiner Nine Inch Nails. - © Foto: Universal Music

Ästhetisch betrachtet fühlt sich die Rückkehr durchaus vertraut an. Bereits der Albumtitel, eine Anspielung auf aus Selbstmordversuchen resultierenden Wunden, erinnert an das wunschlose Unglück der Nine Inch Nails im Schattenreich aus Depression, Paranoia und Lust am Schmerz.

Während dieser buchstäbliche Zustand bis in die frühen Nuller-Jahre mit Trent Reznor als bestenfalls schwermütiger Künstlerseele eine solide biografische Unterlage fand, steht thematisch heute Fiktion am Programm. Immerhin folgte auf die erfolgreiche Entdämonisierung per Rehaklinik zunächst eine Neudefinition als Muskelmann und Workaholic. Die Hochzeit mit Mariqueen Maandig, mit der der nun 48-Jährige das gemeinsame Projekt How To Destroy Angels betreibt, läutete 2009 wiederum die bürgerliche Spätphase ein. Als Vater zweier Kinder gehen aktuelle Textzeilen wie "I survived everything" vermutlich auch glaubhafter über die Lippen.

Im Gegensatz zur ansonsten kaum als Einfluss bemerkbaren Sesshaftwerdung hinterließen Reznors Soundtrack-Arbeiten mit dem auch für "Hesitation Marks" verpflichteten britischen Musiker Atticus Ross, die im Falle von David Finchers Biopic "The Social Network" mit einem Oscar prämiert wurden, sehr wohl ihre Spuren. Noch stärker als bisher geht es mit den 14 neuen Songs und einer gewohnt üppig bemessenen Gesamtspielzeit von gut einer Stunde um Atmosphären, deren standesgemäße Finsternis US-Regisseur David Lynch im gespensternden Musikvideo zur Auftaktsingle "Came Back Haunted" meisterlich illustrierte.

Anders als bei den einst kraftstrotzenden bis martialischen Produktionen der Nine Inch Nails kommt "Hesitation Marks" gerne auch mit karg-dünnen Arrangements und sanfter Plucker- und Pling-Plong-Elektronik auf Laptop-Basis daher, die durchaus im Radiohead’schen Sinn erklingt. Dazu muss Trent Reznor nicht mehr unentwegt schreien. Er darf jetzt noch öfter auch singen oder seine Songtexte wispern und hauchen. Mit zur nervösen Frickelei neigenden Beats, repetitiven Grundstrukturen und deutlich zurückgefahrenem Gitarrengebrauch klingen die Ergebnisse fast durchwegs fantastisch.

Dass Reznor sein Handwerk beherrscht, führt gelegentlich zu etwas zu routiniert aufeinander gestellten Bausteinen, die der bandeigene Steinbruch seit mittlerweile 24 Jahren hergibt. Umso erfreulicher die souligen Bläser, die sich ebenso überraschend wie vollkommen selbstverständlich in den auf das Opus magnum "The Fragile" aus 1999 verweisenden Sound von "While I’m Still Here" fügen. Ungewohnt und nicht ganz so gewinnend der Pop-affine Harmoniegesang von "Everything", dessen aufgedrehter Zwischenteil das künstlerische Erbe des Post-Punk transzendiert, oder der dystopische Funk von "All Time Low".

Dass kaum ein Beitrag durch übermäßig ambitioniertes Songwriting auffallen und solchermaßen gleich in Erinnerung bleiben will, darf positiv als Motivationsfaktor zum wiederholten Hören gedeutet werden. Vielleicht sind die mangelnden Hits des Albums aber auch nur eines: Trent Reznors neue Rache an der Musikindustrie.