Licht und Schatten: Alison Goldfrapp illustriert die Ästhetik ihres mit Will Gregory betriebenen Projekts Goldfrapp. - © Annemarieke van Drimmelen
Licht und Schatten: Alison Goldfrapp illustriert die Ästhetik ihres mit Will Gregory betriebenen Projekts Goldfrapp. - © Annemarieke van Drimmelen

Auf ihrer aktuellen Welttournee führt die britische Popinstitution Depeche Mode mit "Halo" zwar einen Allzeitfavoriten der Fangemeinde mit im Gepäck - sie spielt diesen allerdings nicht, wie man ihn vom "Violator"-Album aus dem Jahre 1990 kennt, sondern hält sich stattdessen an jenen Remix, welchen die Landsleute und einstigen Label-Kollegen von Goldfrapp maßfertigten.

Schwarz-Weiß-Ästhetik

Mit taumelnden Harfen, ins Dramatische kippenden Streichern, elektronischen Einsprengseln und Alison Goldfrapps engelsgleich gehauchter Stimme erinnerte das Duo vor neun Jahren noch einmal an seinen verträumt-schwebenden Trademarksound, als dieser auch schon wieder Geschichte war.

Immerhin stand die von Will Gregory als Mann aus dem Hintergrund komplettierte Band ab Album Nummer zwei für maschinenbetonten Elektro-Pop mit erhöhtem Glam- und Glitzerfaktor, der bald auch weiße Pferde in die Disco einreiten ließ - und der letztlich hin zum käsigen 80er-Jahre-Pop einer Olivia Newton-John und den zweifelhaften Abba-Referenzen des Albums "Head First" (2010) führen sollte. Daran denkt freilich auch die Band selbst nicht ganz so gerne zurück - was vor allem aber mit dem erhöhten Zeitdruck im Entstehungsprozess zu tun hat, wie Alison Goldfrapp in Interviews derzeit erklärt.

Für das nun unter dem Titel "Tales Of Us" erscheinende sechste Studiowerk ging es zunächst also darum, möglichst alles anders zu machen. Man eroberte die Herrschaft über die Zeit zurück und dokterte inmitten der inspirierenden Landschaftszüge Westenglands ganze zwei Jahre lang an den zehn neuen Songs herum, die auf Keyboards und Synthesizer beinahe vollständig verzichten und überwiegend auf akustische Klänge mit erwachsenem Inhalt und edlem Streicherschmelz bauen.

Man produzierte ein Album mit mindestens als homogen zu bezeichnenden Ergebnissen, dessen vom Film noir her kommende Schwarz-Weiß-Ästhetik mit der gedimmten Stimmung der Musik korrespondiert und dabei nicht nur Licht ins Dunkel, sondern vor allem auch Dunkel ins Licht bringen will.

Musenhain in Moll


Mit "Drew" darf die Vorabsingle als stellvertretend für das ganze Album bezeichnet werden. Gezupfte, durchaus in Richtung Musentempel und Musenhain verweisende Saiteninstrumente, dezentes Beserlschlagzeug, Paukentupfer und eine dreißig Personen starke Streichergruppe dominieren die Songs. Dazu kommen Klavierakkorde in Düster-Moll und gehaucht, gewispert oder mit Chorknaben-ähnlichem Diskantgesang vorgetragene Textzeilen zum Thema Liebe, Lust und Leidenschaft.

Nicht von ungefähr trifft die sehnsuchtsvoll-sinnliche Aura der Musik im "Drew"-Video von Lisa Gunning auf die Geschichte eines Ménage-à-trois. Dass das unbedingte Bekenntnis zum Leben oft den ins Nichts führenden Abgrund erfordert, wird auf "Tales Of Us" mit offenkundiger Schöngeistigkeit übersetzt, aus der immer auch die Verzweiflung atmet.

Aasgeier & Strong-Drink


Thematisch wagen sich die nach ihren fiktiven Protagonistinnen und Protagonisten betitelten Songs als Dramen mit Damen aber noch weiter vor, wie etwa die Mordgeschichte von "Thea" bezeugt - die mit Field Recordings von galoppierenden Pferden und pulsierend-wabernder Elektronik stilistisch sanft aus dem Rahmen fällt. Sehr gut gelang auch die - nicht nur vor diesem Hintergrund Gänsehaut erzeugende - Ennio-Morricone-Harmonik von Albumhöhepunkten wie "Stranger", welche die Aasgeier einschlägiger Spaghetti-Western bereits vor dem geistigen Auge kreisen lässt, oder etwa das tief in seinen atmosphärischen Sog ziehende "Alvar".

Mit dem als Meditation am Klavier vollkommen in sich versunkenen "Laurel" geht es gegen Ende hin dann auch noch zum tröstenden Angebot ins Obergeschoss des großstädtischen Fünf-Sterne-Hotels. Wir hören zeitlose Long- und Strong-Drink-Begleitmusik, wie sie einsame Barhocker noch lange nach Mitternacht zu würdigen wissen.

Gerade nach "Head First" war mit dieser größtmöglichen und denkbar besten Wende im Werk nicht mehr zu rechnen. Alison Goldfrapp hört es vermutlich nicht gerne, dennoch sei es gesagt: Manchmal ist Schwarz-Weiß eben doch erheblich interessanter als Neonfarbe, die im Stroboskopgewitter durch das Trockeneis blitzt.