Es gibt nicht wenig hervorragende Indie-Pop-Musik österreichischer Provenienz auf Deutsch (oder auch im Dialekt). Das Label Monkey Music etwa ermöglicht mit seinem "Wien Musik"-Sampler Jahr für Jahr aus- und ergiebige Entdeckungsreisen."

Melden sich zurück mit einem etwas variierten und akzentuierten Sound: die Formation Shy aus Linz (mit Sänger Andreas Kump in der Mitte). - © Sabine Köstler
Melden sich zurück mit einem etwas variierten und akzentuierten Sound: die Formation Shy aus Linz (mit Sänger Andreas Kump in der Mitte). - © Sabine Köstler

Doch der lakonische, zwanglos heruntergebretterte Gitarrensong im Geiste von The Velvet Underground und der Smiths - sozusagen die Grunddisziplin des Indie-Pop - ist hierzulande wirklich selten muttersprachlicher Fertigung. Selbst bei der Aufzählung der üblichen Verdächtigen muss man ein wenig ausholen: Ja, Panik singen Denglisch (damit allerdings auf gewisse Weise besonders kontemporäres Deutsch), Kreisky stehen eher in der Tradition des
harschen Postpunk à la The Fall und Garish sind dem Folk ziemlich nahe.

Wegweiser-Meriten

Dass Shy für deutschsprachigen Indie-Gitarren-Pop made in Austria Pionierarbeit geleistet haben, ist aus dieser Perspektive umso bemerkenswerter. Dass diese Wegweiser-Meriten dennoch kaum gewürdigt werden, ist beinahe ärgerlich.

"Ich weiß auch nicht", sagt Shy-Sänger und -Texter Andreas Kump. "Vielleicht waren wir zu früh da oder einfach nicht gut genug. Kreisky oder Ja, Panik finde ich ja wesentlich reflektierender. Ich glaube, da ist dann unser Bandname doch ein wenig Programm, weil sich dieses Naive nicht leugnen lässt."

Das mag auf die Frühphase der Linzer Band durchaus zutreffen, deren erster Longplayer "Himmelsstürmer" im Jahre 1994 erschienen und die zwischenzeitlich sogar beim Major EMI unter Vertrag gestanden (und freilich aus diesem bald wieder entlassen worden) ist. Im Laufe der Zeit hat sich das "Naive" allerdings reichlich abgeschliffen und ist einer Abgeklärtheit gewichen, die manchmal sogar etwas Lebensweises an sich hat.

"Nicht alles, was sich findet, kriegt sich / nicht alles, was sich kriegt, liebt sich / nicht alles, was verschwindet, geht weg", heißt es auf dem neuen und mittlerweile achten Shy-Album "Zwei" gleich im Opener "Manchmal". In "Zwielicht" singt Kump: "Das Zwielicht heißt Zwielicht, weil es für zwei geschaffen ist."

Zweite Lebenshälfte

Und weil vorher vom Lauf der Zeit die Rede war: Der ist das zentrale Thema von "Zwei", dessen Titel für nicht weniger als "zweite Lebenshälfte" steht. Andreas Kump: "Ich bin jetzt 45 Jahre alt. Da kann man gewisse Sachen ausschließen. Profifußballer wird man keiner mehr. Man hat viel Zukunft - ich würde nicht gleich sagen: die ganze - hinter sich. Man schwelgt nicht mehr in sinnloser Euphorie (lacht). Was nicht heißt, dass ich nicht noch mit 92 genauso neugierig auf die Welt blicken werde und mir irgendwelche Sachen vornehme. Vielleicht im Ziel vom New-York-Marathon zu sterben."

Zwischen "Zwei" und dem Vorgänger-Album "Zurück am Start" sind sieben Jahre vergangen. Das mutet fast wie ein Neustart an. "Jede neue Platte ist ein Bewerbungsgespräch", relativiert Kump, auf das beschränkte Fassungsvermögen der Hörerschaft in einer unfassbaren Masse an Musikproduktion Bezug nehmend. "Zwei" versucht indes tatsächlich, den gewohnten Shy-Sound etwas zu variieren und zu akzentuieren.

Der Einstieg mit "Manchmal" erfolgt über ein langes, lässiges Gitarren-Intro, während "Zwielicht" von einer insistenten Bass-Schleife getragen ist, über der sich später eine Wall Of Sound aus Gitarren auftürmt.

Reizvolle Spitzen

"Tage" schließt dann mit einem heftigen, gleichwohl minimalistischen und bis zur Monotonie wiederholten Rock-Motiv. Keyboards, die sich oft wie Synthesizer anhören, schaffen reizvolle Spitzen und Kontrapunkte im Sound.

"Irgendwann", erklärt Andreas Kump, "hat sich die Formel, die wir anfangs entwickelt hatten, für uns überholt. Wir mussten diese Formel vergessen. Das war nicht leicht. Wir haben immer wieder verschiedene Leute in die Stammformation hineingeholt. Auch Leute, die aus der Linzer Elektronik-Szene kommen. Die genannten Synthesizer-Sounds liegen sehr stark an Stefan Messner. Er hat den Charakter von Songs verstärkt oder auch gebrochen. Teilweise hat er auch Remixes angefertigt. ,Bruder‘ zum Beispiel hat er neu zusammengesetzt. Wir haben es dann so gespielt, wie er es zuhause am Computer gemacht hat."

Shy: Zwei. (Wohnzimmer Records/Hoanzl)