Bruce Springsteen, der Mann, den sie Boss nennen. - © Sony Music
Bruce Springsteen, der Mann, den sie Boss nennen. - © Sony Music

Vor 30 Jahren, 1984 also, herrschte noch die Illusion, Pop könne die Welt verändern. Er tat es nicht, weil die einflussreichsten Künstler sich entweder betont apolitisch gaben oder aber von der damals regierenden Reagan-Administration umgarnt wurden. Bei Michael Jackson war beides der Fall; er mied jede politische Aussage und wurde von Reagan im Weißen Haus geehrt, weil er seinen Song "Beat It" für eine Verkehrssicherheits-Kampagne zur Verfügung gestellt hatte.

Bruce Springsteen war indessen als Chronist des Runaway-American-dreams als kritischer Geist angesehen; seine Alben "Born To Run", "Darkness On The Edge Of Town" und "Nebraska" hatten Hoffnungen geweckt, hier erhebe sich eine laute Stimme im Namen der Gerechtigkeit und der fairen Lebenschancen für alle.

Die Brüllvorlage


Dann brachte Springsteen "Born In The U.S.A." heraus und verwandelte Dissidenz in massenkompatiblen Mainstream-Rock. Als Brüllvorlage für zigtausende Kehlen ließ der Titel- und Schlüsselsong bei Konzerten schnell vergessen, dass er eigentlich erzählt, was Amerika seinen weniger privilegierten Söhnen (die Töchter sind bei Springsteen kaum der Rede wert) antut - und machte es Präsident Ronald Reagan leicht, die Ikone der Gegenkultur als Galionsfigur eines neu erwachten US-Patriotismus zu vereinnahmen.

Aus dieser Position heraus seine Credibility wiederherzustellen, war nicht einfach und bedurfte genuin großer Platten wie "The Ghost Of Tom Joad". Später stand Springsteen an der vordersten Front einer Reihe von Musikern, die alle bei Reagan geschwiegen hatten und nun gegen George W. Bush agitierten. Pop als Phänomen war da aber schon dermaßen marginalisiert, dass Bush trotzdem über volle Länge im Amt blieb. Springsteens Reputation aber scheint seither unangreifbar.

Vermutlich ist der hemdsärmelige 64-Jährige aus New Jersey, den man gemeinhin den "Boss" nennt, der letzte Rock-Superstar, dessen neuen Platten noch zu annähernd gleichen Teilen kommerzielle wie künstlerische Relevanz eingeräumt wird. Das zeigte sich, als sein neues Album "High Hopes" Ende 2013 im Internet leakte und Riesenaufregung in den Medien sowie bei Springsteens Plattenfirma Sony verursachte. Ist es die Aufregung wert? Großteils ja.

"High Hopes" ist eine Zusammenstellung von Restln, was - zumal bei einem profilierten Vielschreiber wie Springsteen - nicht automatisch Minderwertiges bedeuten muss. Es mutet ein wenig wie die Platte an, die sich der Boss selber schenken wollte: ein Mix aus Coverversionen exzellenter Songs und Neuaufnahmen alter sowie unveröffentlichter Stücke, die schon eine längere und erfolgreiche Live-Geschichte haben.

Zu den Songs aus fremder Feder gehört neben dem wunderschön auf Roy Orbison getrimmten Suicide-Stück "Dream Baby Dream" und "Just Like Fire Would" von den australischen Ur-Punk-Heroen The Saints auch der Titelsong, eine Kreation von Tim Scott McConnell. Springsteen hat den beschwörenden, mit den Unbilden des Lebens ringenden Song des selbsternannten Master of Gothic Blues 1995 für die EP "Blood Brothers" aufgenommen und jagt ihn hier über eine grobe Kante.

Das Vietnam-Trauma


Weniger gelungen die Neuaufnahme des Titelsongs von "The Ghost Of Tom Joad". Das liegt nicht an der forscheren Deutung, sondern an Tom Morello (Rage Against The Machine), mit dem sich Springsteen den Gesang teilt: Morello ist zwar ein kompetenter Gitarrist und tut als solcher den meisten Tracks gut, bleibt als Sänger aber ziemlich blass.

Die meisten Stücke des Albums stammen aus der Zeit 2002- 2008, wobei die Inhalte bemerkenswert oft um religiöse Fragen kreisen, während die Musik zwischen treibendem Rock, Gospel und Walzer mäandert. Im vielleicht besten Song, der Ballade "The Wall", erinnert sich Springsteen an einen musikalischen Heroen seiner Jugend in New Jersey, der 1968 in Vietnam spurlos verschwand. Womit ein grundsätzliches Thema des Bruce Springsteen, nämlich das Trauma des Vietnam-Kriegs, wieder ins Spiel kommt.